Freitag, 28. Juli 2017

Offenheit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der fünfundsechzigste Wert ist:


OFFENHEIT

Wikipedia sagt:

Das Merkmal Offenheit für Erfahrungen bildet zusammen mit Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (Big Five). Offenheit wird als normalverteilt angenommen, sodass die meisten Menschen mittlere Ausprägungen aufweisen und extreme Werte selten sind.
Menschen mit viel Offenheit werden charakterisiert durch Adjektive (lexikalischer Ansatz) wie
  • einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll
  • intellektuell neugierig, offen für neue Ideen
  • interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie
  • mit Vorliebe für Abwechslung (statt Routine), Neigung zu neuen Aktivitäten, neuen Reisezielen, neuem Essen usw.
  • aufmerksam für eigene und fremde Emotionen
Am anderen Ende der Skala (wenig Offenheit) stehen Adjektive wie konservativ, konventionell, routiniert, uninteressiert usw.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Offenheit)


Offenheit ist einer meiner Lieblingswerte und die Voraussetzung für das Schaffen von Kunst und für die eigene Entwicklung. Die Voraussetzung für Fortschritt und neue Ideen.

Als halbwegs routinierte Theaterspielerin habe ich im Laufe der Jahre eine große Offenheit entwickelt, aber es gibt immer noch Situationen, die für mich unangenehm oder peinlich sind. Situationen, die Überwindung kosten.

Vor einem halben Jahr etwa wollten meine Mitspieler der "Genossenschaft" und ich gemeinsam zum Karaoke gehen.
Schon mit der Gruppe Vorspiel hatten wir nach einer Derniere gemeinsam in einer Kabine der Ichiban-Karaoke-Bar gefeiert. Damals war ich neugierig und unsicher, wie das ganze wird, aber in der Kabine, nur zusammen mit den Menschen, die ich schon so lange kenne, war es sofort eine losgelöste Atmosphäre und wir haben uns gemeinsam heiser gesungen.

Nun sollte es also wieder in besagte Karaoke-Bar gehen. Eine Kabine hatten wir vorher nicht reserviert und beschlossen, das spontan vor Ort zu machen.
Aus unserer illustren Gruppe von sechs Leuten waren an dem Abend nur noch drei übrig, aber wir ließen uns von unserem Plan nicht abbringen. Als wir in der Bar ankamen, gab es jedoch keine freie Kabine und uns wurde gesagt, dass wir in 1,5 bis 2 Stunden eine Kabine bekommen könnten. So lange wollten wir nicht warten, also gingen wir in den großen Raum zur Hauptbühne, auf der jeder singen kann – wenn er denn jemals dran kommt.

Ich hatte mir in dem Moment, in dem ich in meinem Leben das erste Mal von Karaoke hörte, eingeredet, dass das absolut nichts für mich ist. Singen an sich: ja, gern. Aber nicht vor fremden Menschen, einfach so, in einer Bar. Trotz Theatererfahrung war das für mich etwas anderes. Dort oben stehe ich als ich selbst, nicht in einer Rolle, hinter der ich mich verstecken kann.
Einen Teil dieser Scheu hatte ich mit dem Karaoke-Singen in der Kabine abgelegt. Das Vorhaben, auf einer Bühne vor Fremden auf keinen Fall zu singen, war aber geblieben.

Und nun standen wir da, vor dieser Bühne. Ich haderte mit mir. Meine Genossen sagten, dass wir natürlich zusammen singen können, wir müssten da ja nicht allein auftreten.
Das war der richtige Auslöser, den ich brauchte. In dem Moment beschloss ich: Jetzt aber richtig! Wenn ich schon vor Fremden singe, dann aber auch allein. Challenge accepted!
Ich wählte meinen Klassiker, einen Song, den ich auswendig kann und schon beim vorherigen Karaokebesuch gesungen hatte: "Touch-A, Touch-A, Touch me" aus dem Musical "The Rocky Horror Picture Show". Ich schrieb nur diesen Song auf einen kleinen Zettel und gab ihn beim DJ und Moderator ab. Mit meinen Genossen suchten wir noch weitere Songs aus, die wir zu zweit oder zu dritt singen wollten und gaben auch diese auf Wunschzetteln ab.
Wir warteten und warteten und überlegten schon, wie lange wir noch durchhalten. Und plötzlich wurde mein Name angesagt.
Da ich für mich selbst die Entscheidung getroffen hatte, mich der Herausforderung zu stellen, war ich ganz ruhig und präsentierte da oben den Song. Was ich auf der Bühne gemacht habe, weiß ich nicht mehr so genau. Ich habe auch meine eigene Stimme nicht hören können, sondern nur die Hintergrundmusik.
Ich ging von der Bühne und war einfach happy, weil ich die Offenheit hatte, es endlich auszuprobieren. Es war gar nicht schlimm.

Und ich wurde noch zusätzlich belohnt: der DJ fühlte sich durch den Song inspiriert, direkt nach mir selbst auf die Bühne zu gehen und "Sweet Transvestite" aus dem gleichen Musical zu performen – inklusive Striptease. Mehr kann man sich nun wirklich nicht wünschen!


Offenheit macht uns verletzlich. Wir zeigen uns, wir präsentieren unsere wunden Stellen. Gleichzeitig macht sie uns aber auch durchlässig und frei. Wenn wir uns öffnen, können wir neue Impulse aufnehmen und uns ganz auf neue Erfahrungen einlassen. Wir können Kind sein, können Eintauchen in unsere ganz eigenen Erlebniswelten.

Offenheit ist etwas wunderbares und für uns alle ein wichtiges Gut. Lasst sie uns bewahren – und in anderen Menschen wecken!

Am Schluss noch ein kleiner Tipp von Alexander Smith – diese Erfahrung habe ich nämlich auch gemacht:

Foto: "Republik Vineta", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/

Mittwoch, 26. Juli 2017

#monthlyfavourites - Juli-Lieblinge







Es ist wieder Zeit für die Lieblinge des aktuellen Monats - die #monthlyfavourites im Juli! 




Zum Arbeiten


Weiter geht es mit der Fachliteratur-Lektüre: eine Biografie über Oscar Wilde. Leichtgängig geschrieben und mit den vielen Zitaten sehr unterhaltsam. Das einzig nervige an dieser Ausgabe von 1969 ist die Angewohnheit, Homosexualität als "Neigung" oder "Gepflogenheit" zu bezeichnen. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Davon abgesehen ist eigentlich Homosexualität in Bezug auf Oscar Wilde nicht wirklich passend, Bisexualität wäre treffender.

Im Juli war es teilweise ganz schön heiß im Homeoffice. Abkühlung verschafften mir zwei schöne Produkte aus der Glossybox, ein leichtes Aloe Vera Gel von être belle (gibt es leider nicht mehr) und das Aloha Body Spray von De Bruyère.


Leichte Arbeitskleidung ist mir im Sommer ebenfalls wichtig, deshalb ist diese Jerseyhose mit Dschungel-Print im Dauereinsatz.


 
Zum Aufhübschen


Sommer ist Klebetattoo-Zeit! Wenn mehr Haut zu sehen ist, dürfen da gern bunte und glitzernde Bildchen drauf sein. Diese habe ich letztes Jahr gekauft und habe damit viel Spaß.

Ebenfalls sommerlich ist die Sleek Mediterranean Lidschatten-Palette. Ich liebe die bunten Farben für den Sommer, leider ist die Palette nicht mehr erhältlich. Vielleicht wäre diese hier ein schönes Äquivalent?

Seit ich zwei neue Katzen habe, bin ich nur am Händewaschen, weil ständig irgendwelche Klos oder Futternäpfe gereinigt werden müssen. Die viele Seifenbenutzung macht die Hände etwas trocken. Als ich dann eines Abends nach einer Handcreme suchte, fiel mir diese Bodylotion mit Orangenduft von treaclemoon in die Hände, die ich noch aus einer früheren Glossybox hatte. Ich benutze keine Bodylotion, weil meine Haut eigentlich fettig genug ist, aber die Größe und das Gewicht der Flasche waren perfekt für den Nachttisch geeignet. Nun nutze ich einfach die Lotion als Handcreme und kann sie neben meinem Bett lagern, ohne dass die Katzen sie runterschmeißen und durch den Raum schießen.


Zum Lesen


Da ich mit der Fachlektüre ausreichend beschäftigt bin, kommt mein Lesestoff diesen Monat in Form von Programmheften daher.
Mittwochs gehe ich ab und zu gern nachmittags in die Eva Lichtspiele in Berlin-Wilmersdorf und gucke mir einen alten deutschen Film an. Den nächsten Termin habe ich mir schon reserviert, am 02. August möchte ich "Die vier Gesellen" anschauen, ein Film von 1938 über vier junge Absolventinnen einer Kunstgewerbeschule, die eine Werbeagentur gründen. Mit Ingrid Bergmann! Wenn jemand mitkommen will: meldet euch!

Das Deutsche Theater in Berlin geht in die Sommerpause, aber vorher habe ich mir noch das Programmheft für die nächste Spielzeit besorgt. Nun kann ich ausführlich stöbern, welche Stücke ich in der nächsten Saison nicht verpassen will.



Zum Essen


Kirschen! Ich liiiieeebe Kirschen!



Zum Stöbern

Dieser Artikel hat mich diesen Monat schwer begeistert:https://wyriwif.wordpress.com/2017/07/20/warum-es-den-neuen-mann-nicht-gibt-und-nie-geben-wird/

Ganz eigennützig verlinke ich dazu passend meinen eigenen Blogbeitrag zu dem Thema:
http://theaterberlin.blogspot.de/2017/07/ich-bin-kein-sexist-aber.html




Zum Hören

Diesen Monat habe ich zwei brandneue Podcasts für euch!

"This is Jane Wayne" ist einer der bekanntesten Mode- & Lifestyleblogs in Deutschland. Die beiden Gründerinnen Nike und Sarah haben nun einen Podcast gestartet, in dem sie frei von der Leber weg über Mode, Politik, Beziehungen, Muttersein und überhaupt alles alltägliche sprechen. Die beiden sind so ganz anders als ich und gerade deshalb ist es interessant, zuzuhören. Eine Gemeinsamkeit haben wir aber auf jeden Fall: die beiden scheuen sich nicht, mal aus Spaß in Dialekte oder Slang zu verfallen. Das kenne ich von Frauen eher selten, deshalb ist es ein Grund, die beiden zu feiern.




Ein weiteres kleines Schmankerl ist der Podcast "undduso", in der Schauspielerin Denise M'Baye ihre Kollegen fragt, was sie neben der Schauspielerei sonst noch so machen. Der Podcast ist ganz neu, es gibt erst eine Folge: Klick!



Zum Anschauen

Wie geil ist denn bitte funk.net von der ARD?! Dort gibt es mehrere Serien auf Deutsch und Englisch. Zwar nur wenige Staffeln, aber hey, man soll nicht meckern! Neben "Doctor Who", "Orange is the new Black" (muss ich mal irgendwann gucken) und "IT Crowd" auch eine Staffel der britischen LGBTIQ-Serie "Banana". Toll gemacht!
https://www.funk.net/serien/596dd6ab73f6120001670998


Auf Netflix gibt es endlich die 5. Staffel "New Girl". Winston hat dieses Mal einen größeren Part, er ist mein absoluter Lieblingscharakter!





Alte Filme sind natürlich in einem alten Kino wie den Eva Lichtspielen am beeindruckendsten, aber auch zu Hause schaue ich gern mal einen alten Schinken, besonders nebenbei beim Backen oder Kochen oder einfach an einem verregneten Sonntag.
Je mehr alte Filme ich gucke, desto mehr tolle Schauspieler entdecke ich, z.B. die lustige Grethe Weiser. Hier ein Film, in dem sie eine "Platzanweiserin" spielt:







Montag, 24. Juli 2017

Fehler, die ich in der Teamleitung gemacht habe: #3 Zu viel Distanz































Vor kurzem startete ich eine Reihe über meine fünf größten Fehler in der Teamleitung, heute ist Fehler Nummer 3 an der Reihe:

#3 Zu viel Distanz


Letzte Woche erzählte ich, wie ich in meiner ersten Freizeittheatergruppe merkte, dass zu wenig Distanz ein Problem ist.
Im Laufe der nächsten Jahre merkte ich, dass zuviel Distanz ebenso hinderlich sein kann.

Ich wollte mehr als Autoritätsperson gesehen werden und begann mich mehr zu distanzieren. Dazu gehörte, dass ich die Teilnehmer meiner Kurse und Workshops hauptsächlich als Kunden sah.
Das mit der Distanz klappte meist gut, ich war neutral und freundlich zu allen, hatte aber privat keinen großen Kontakt und hielt mich auch von sozialen Gruppenevents außerhalb der Proben fern.

Mit der Zeit merkte ich, dass mir die Teilnehmer durch dieses Verhalten jedoch Stück für Stück entgleiten. Durch meine eigene Distanzierung, grenzte ich mich selbst zu sehr aus der Gruppe aus. Die Proben wurden automatisiert und es fehlte Herzlichkeit und eine Verbundenheit mit der Gruppe. Gab es Probleme, machte ich diese mit mir selbst aus anstatt mich in einer offenen Runde mit der Gruppe zusammenzusetzen.

Zurecht schwand mit der Zeit das Vertrauen der Teilnehmer. Ich war zwar noch die Leitung, aber die Leute begannen, Dinge untereinander zu klären.

Das eigentlich Fatale aber war: je mehr ich mich distanzierter, desto mehr schwand mein Interesse an der Gruppe. Wenn keinerlei Austausch auf privater Ebene stattfindet, geht das Zwischenmenschliche verloren - und somit der Spaß an der Arbeit.

Die Teilnehmer hatten den Eindruck, dass ich mich nicht für sie interessiere. Und das tat ich auch nicht. Ich hatte mich von ihnen teilweise zu sehr distanziert.
Aus Höflichkeit fragte ich natürlich ab und zu mal, wie es ihnen geht, aber eher weil es dazu gehört als aus eigenem Antrieb. Die Gruppe war für mich manchmal auf einem ganz anderen Planeten.

Zu den Aufgaben eines Gruppenleiters gehört neben fachlicher Leitung, Moderation und Input auch die Unterstützung. Der Leiter ist der Anker der Gruppe, der starke Baum, der den Winden trotzt, der Fels in der Brandung. Er ist die Person, die die Gruppe im Notfall durch die Krise führen kann. Vielleicht nicht ohne Schäden, aber zumindest so unbeschadet wie möglich.
Für diese Rolle muss jedoch ein Teil der "professionellen" Distanz weichen.

Es dauerte eine Weile, bis ich das wirklich begriff und die nächsten Jahre waren Jahre des Balance-Probierens. Nicht immer ist die Balance aus Nähe und Distanz perfekt, aber ich nähere mich meiner Art der optimalen Gruppenleitung so langsam an. Und ich freue mich auf alle weiteren Projekte, in den ich noch weiter üben kann.

Freitag, 21. Juli 2017

Bescheidenheit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der vierundsechzigste Wert ist:


BESCHEIDENHEIT

Wikipedia sagt:
Bescheidenheit (von „sich bescheiden“, „sich zurücknehmen“, „sich begnügen“, „verzichten“) ist im heutigen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Genügsamkeit“, „Anspruchslosigkeit“, „Einfachheit“, „Zurückhaltung“. Sie kann sich auf die Wesensart eines Menschen beziehen (= Bescheidenheit als Charakterzug) oder auch nur ein bestimmtes Verhalten auszeichnen (= einfache Lebensführung, Luxus­verzicht). In der positiven Bewertung bildet sie den Kontrapart zu Begriffen wie „Geltungssucht“, „Überheblichkeit“, „Unbescheidenheit“, „Maßlosigkeit“ oder „Prunksucht“. In einer spöttisch abwertenden Tönung findet sie sich in Redewendungen wie „eine bescheidene Leistung“, „mit einer bescheidenen Intelligenz gesegnet“, „aus bescheidenen Lebensverhältnissen kommend“. Selbstironisch spricht man auch von „mein bescheidener Anteil“ (= geringer Anteil), „meine bescheidene Person“ (= meine Wenigkeit), „mein bescheidener Beitrag“, „meine bescheidene Gabe“ (= Mitbringsel/Spende).
Bescheidenheit kann damit als freiwillige Selbstbeschränkung, als schicksalsverordnete Einschränkung der Persönlichkeit oder der Lebensverhältnisse oder als ironische Untertreibung verstanden werden und erfährt daraus eine entsprechende Bedeutung. (https://de.wikipedia.org/wiki/Bescheidenheit)


Bescheidenheit ist für mich ein recht kontroverser Wert. Ich vermute, es ist ein Wert, der die Gemüter spaltet. Die einen werden Bescheidenheit für eine Tugend halten. Bescheidenheit wird nämlich gern in Verbindung mit Demut und Dankbarkeit genannt.
Für andere ist Bescheidenheit eine unnötige Zurückhaltung.

"Bescheidenheit ist eine Zier." dachte ich als Kind. Ich war ein glühendes Beispiel an Bescheidenheit. Ich habe sogar kleinste Geldgeschenke von meinen Großeltern abgelehnt ... zumindest eine Weile. Denn irgendwann merkte ich: von Bescheidenheit habe ich ja gar nicht soviel.
Die anderen finden mich nett und lieb, aber ist das wirklich so ein großer Mehrwert?
Im Vergleich mit denen, die unbescheiden sind, schneidet mein Gewinn deutlich schlechter ab.
Von Bescheidenheit kann ich mir nichts kaufen. Das ist leider Fakt. Und das Gefühl moralischer Überlegenheit flaute mit der Zeit immer mehr ab.

Ich begann zu differenzieren, in welchen Bereichen Bescheidenheit für mich wichtig oder tragfähig war, und in welchen nicht.
Eine materielle Bescheidenheit war mir in gewisser Weise immer ein bißchen immanent. Ich brauche nicht viel Geld, um glücklich zu sein. Eine Hausverwalterin hatte mit uns vor Jahren ein Gespräch, als wir eine Gewerbeimmobilie bei ihr anmieteten. Dazu guckte sie sich die Einkommenverhältnisse und auch die Ausgaben an. Letztere fielen sehr gering aus und sie fragte uns in Berliner Manier: "Wovon leben sie eigentlich? Von Luft und Liebe?" Ja, auf jeden Fall!

Auf anderen Gebieten war mir schon immer eine absolute Unbescheidenheit immanent. Verwöhnt mit tollen Eltern und einem super Bruder war für mich immer klar: im sozialen Umfeld für mich bitte nur das Beste vom Besten. An eine Beziehung und meine Freundschaften hatte und habe ich hohe Ansprüche. Schon immer war ich lieber allein als mit jemandem zusammen, mit dem es nicht hundertprozentig passt.
Auch beruflich und überhaupt im Leben habe ich das Bedürfnis nur Tätigkeiten auszuüben, die mir Freude machen. An denen ich Spaß habe. Das funktioniert nicht immer – Steuererklärung und Arztbesuche kann man ja nicht komplett ignorieren –, aber es funktioniert den Großteil der Zeit.

Bescheidenheit ist für mich keine Tugend. Sie ist ein Bedürfnis, das man hat oder nicht hat. Und man kann Bescheidenheit nur dann leben, wenn man sie auch empfindet.
Ein Mensch, der eine große Freude an Dingen und Gegenständen hat, wird vermutlich als Minimalist nicht glücklich werden, auch wenn die Vorstellung verführerisch ist.

Wir müssen nicht bescheiden sein. Wir dürfen auch absolut unbescheiden sein. Wir dürfen uns alles für uns wünschen:



Es gibt so viele wunderbare Dinge auf dieser Welt. Wenn wir etwas davon haben wollen, dürfen wir es uns nehmen. Wir dürfen zugreifen auf diesem großen Buffett. Es ist genug für alle da, wir nehmen niemandem etwas weg.

Bescheidenheit immer gern. Aber nur keine "falsche" Bescheidenheit!


Foto: "Gerüchte, Gerüchte", Theatergruppe Spielschauer: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/

Mittwoch, 19. Juli 2017

"der thermale widerstand" - Deutsches Theater Berlin

Foto: Arno Declair, Bildquelle: http://www.deutschestheater.de

"Die Bäder denen, die baden gehen!"

Ihr wollt mal wieder ins Theater? Ihr habt nicht viel Zeit? Ihr habt nicht viel Geld? Trotzdem soll es intelligent sein? Und auch lustig? Ihr mögt die Filme um Simon Brenner, z.B. "Silentium"? Und generell österreichischen Humor?

Dann auf zu "der thermale widerstand" von Ferdinand Schmalz, in der Box des Deutschen Theaters.
In einer knackigen Stunde wird die Geschichte eines Kurbades erzählt, das mit Hilfe eines Getränke-Konzerns ein Elite-Bad werden will. Der junge Bademeister Hannes ist allerdings strikt dagegen ...

Die Dialoge sind witzig, der Humor mal verspielt und mal derb. Immer wieder gibt es wunderbare Sätze, die im Ohr bleiben, gesprochen von einem tollen kleinen Ensemble. Die Körperlichkeit von Anne Kulbatzki ist der Hammer. Ihren mit Firmenlogos übersähten Körper bewegt sie wie ein verkrampfter Roboter  – bis sie irgendwann und den erfahrenen Händen des Masseurs ganz weich wird.

Das Bühnenbild mit vier winzigen, angedeuteten Räumen, die simplen weißen Kostüme und der Hintergrund-Sound saugen den Zuschauer in den Mikrokosmos dieses Kurbades.

Jetzt ist erstmal Sommerpause, aber für alle, die im Herbst nochmal Baden gehen wollen: Gucken!

Dienstag, 18. Juli 2017

"Ich bin kein Sexist, aber ..."



Das Leben ist schon eins der härtesten. Da kommen wir auf diese Welt, die so viele interessante Dinge für uns bereithält, die wir erfahren, erkunden und ausprobieren können.
Wir wachsen heran und entdecken Vorlieben und Interessen. Wir entwickeln Enthusiasmus und Schaffensdrang. Wir haben Lust, die Welt zu erobern, ob im Kleinen oder im Großen, gemeinsam oder allein.

Alles wäre so angenehm und schön ... wenn da nicht das leidige Thema Geschlecht wäre.

Ob wir mit viel oder wenig Selbstvertrauen durch die Welt gehen, ist zur Hälfte genetisch festgelegt, der Rest entsteht durch Prägung und Erfahrungen.
Spätestens wenn wir erwachsen sind, realisieren wir, dass unser Geschlecht Vorteile und Nachteile mit sich bringt. Dass wir verschieden sind, steht außer Frage. Doch je nachdem, wie wir sozialisiert sind, in welchem Umfeld wir uns bewegen und mit welchen Medien wir uns umgeben, haben wir eine unterschiedliche Einstellung zu den geschlechtlichen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.
Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es zahlreich, aber interessanterweise werden jegliche Hinweise auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern massiv betont, während neutrale Studien seltener publiziert werden. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild, wie dieser interessante Artikel erklärt: Klick!

Der "Gesellschaft" gefällt es natürlich, wenn sich Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen entsprechend der ihnen zugewiesenen Geschlechterrollen verhalten. Das macht es einfacher und überschaubarer. Wir lieben Regeln und die Trennung nach (biologischem) Geschlecht ist so wunderbar simpel. Das kann jeder verstehen und sich auch daran halten.

Aber macht uns diese Trennung glücklich?

Ich habe das Gefühl, je mehr wir die Geschlechter voneinander abgrenzen, desto mehr benachteiligen wir uns gegenseitig. Je mehr wir trennen, desto schwieriger machen wir uns das Leben. Wir beginnen Dinge zu fordern, die uns vielleicht gar nicht liegen. Und die wir gar nicht wollen.
Indem wir den Geschlechtern Attribute zuschreiben, üben wir einen enormen Druck aus. Das klassische Männer- und Frauenbild lässt uns wenig Spielraum.

Wir fordern von Männern, dass sie sich unglaublich beschränken: sie dürfen nicht emotional sein (oder nur manchmal), sie dürfen sich nicht zu auffällig kleiden, sie dürfen sich nicht bewegen wie sie wollen, sie dürfen nicht zu fröhlich sein, sie dürfen nicht zu nett sein, sie dürfen keine Schwäche zeigen.
Zumindest dann nicht, wenn sie dem entsprechen wollen, was allgemein als "männlich" bezeichnet wird. Ein Fehltritt und der Mann kriegt seine Männlichkeit sofort abgesprochen.
Dafür hat er die Freiheit, alles zu erreichen. Sein Möglichkeitsspektrum ist riesengroß. Er kann auf den allerhöchsten Punkt gelangen und ebenso den absoluten Tiefpunkt.

Frauen erlauben wir (fast) alles. Zumindest auf privater Ebene. Klar, sie sollen bitte "fuckable" sein, weil das toller für die Fortpflanzung ist, aber wenn sie sich doch keine Mühe mit dem Aussehen geben, ist es auch nicht so dramatisch. Immerhin haben sie immer den Grundwert einer Frau. Es heißt ja "Kinder und Frauen" zuerst, denn die einen Sorgen für Fortpflanzung, die anderen sind das frische Produkt davon. Man muss sie also beschützen. Im Gegenzug haben sie aber weniger Chancen, etwas zu erreichen. Das Spektrum liegt irgendwo in der Mitte auf dem des Mannes: eine Frau kann nie die Spitze erreichen, aber auch nie ins Bodenlose sinken. Dazu wird sie viel zu wenig ernst genommen. Beide Extreme trauen wir ihr nicht zu.

Zu hart? Das ist leider (noch) die Realität. Doch es ist Zeit, etwas zu ändern. Wir sind unterschiedlich genug von Natur aus, wir müssen es nicht noch unnötig kompliziert machen durch bekloppte Regeln.


Warum fragen wir uns dauernd, was es bedeutet ein Mann oder eine Frau zu sein? 

Warum fragen wir uns nicht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein?



In der britischen Serie "Doctor Who" geht es um genau das: Was bedeutet Menschlichkeit? Was bedeuten Werte? Wie bin ich ein gutes Wesen?
Die Serie steht für Diversität, Akzeptanz, Mut, Gleichberechtigung, Neugierde und Hoffnung. Nie in meinem Leben hat mich eine Fernsehserie so sehr berührt wie es "Doctor Who" regelmäßig schafft. Sie gibt mir Vertrauen in uns – als Lebewesen. Egal welcher Spezies.

Die Serie startete 1963 und erkämpfte sich einen hohen Beliebheitsgrad. Die Geschichte über ein durch Zeit und Raum reisendes Alien, namens "The Doctor" riss die Zuschauer mit. Als der erste Hauptdarsteller in den Ruhestand treten musste, dachte man sich aus, dass die Hauptfigur einfach beim Sterben regenerieren und eine andere Gestalt annehmen könnte. Zack! Das Konzept für eine ewig laufende Serie war geboren und sorgte bei den Zuschauern durch häufigen Abschied und Neubeginn für Trauer und Vorfreude. Ein wunderbarer Zyklus. Über Jahrzehnte hat "Doctor Who" Fans gefunden, die genau diese Offenheit und diese Freude an Neuem und Veränderung lieben.
Würde man zumindest denken ...

Der mittlerweile 12. Doctor hört zum Jahresende auf und es wurde gerade verkündet, wer die Rolle übernehmen wird. Und es ist zum allerersten Mal: eine FRAU!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Die Fans einer Serie, in der es um Veränderung, Empowerment und Gleichberechtigung geht, sind in zwei Lager gespalten. Der Großteil ist begeistert, aber ein anderer Teil wütet mit Schaum vor dem Mund. Hier ein paar Original-Kommentare:

"Eine Frau????????? FURCHTBAR!!!!!!"

" Manche Rollen sollte man so lassen wie sie sind.... Männlicher Mr. Marpel? Weibliche Sherlock Holmes? Weibliche sieben Zwerge?
Irgendwie.... zu erzwungen nur um politisch korrekt zu sein... Naja.... als weiblicher Fan hoffe ich dann mal auf einen guten Companion....."


"So dann bin ich weg...sehr sehr schade"

" ...abwarten und Tee trinken. Mal sehen was das wird. Ich lasse mich überraschen und erwarte nicht viel...." 

"Bitte sag mir, dass das doch ein Scherz ist. Bitte."

"Tja, Schade um eine gute Sendung.."

"Eine Folge bekommt sie eine Chance von mir."

"Wtf eine Frau o.O WAS"

Hier ein paar Schmankerl auf Englisch:





Es gibt sogar schon ein wunderbares Bingo dazu. Und ja, alle Kommentare habe ich so und ähnlich in den Sozialen Medien gelesen:

Quelle: https://pics.me.me


 Ein besonders interessanter Kommentar war für mich dieser hier:

"Tut mir leid aber ich finde das eine schlechte Entscheidung. Der Doktor war eine der wenigen männlichen Indentifikationfiguren für junge Männer oder Burschen die ohne Gewalt und nur durch Intellekt und Mitgefühl Probleme löst. Den Doktor weiblich zu machen wird dies zu nichte machen, sehr kleiner Gewinn (Frauen sind in der Serie auch so schon wirklich nicht schlecht weggekommen, meist besser als die Männer) aber sehr großer Verlust. Meine Meinung, wenn Sie euch nicht gefällt kann ich auch nichts machen." 

Das hat mich irritiert: Warum muss eine Identifikationsfigur das gleiche Geschlecht haben wie ich? Genau damit trennen wir doch wieder zwischen den Geschlechtern!
Ein Mensch kann Vorbild für einen anderen Menschen sein - ganz unabhängig von seinem Geschlecht. Ebenso kann für mich eine Katze, ein Android (I love Data!) oder ein Alien als Inspiration für mein Leben dienen. Und der Doctor - als Alien, für das Geschlechter irrelevant sind - ist eines meiner größten Vorbilder.



Vielleicht beruhigen sich die erhitzten Gemüter irgendwann, denn eine Serienrolle ist immer noch das: eine Rolle. Es ist eine Charakterbeschreibung einer Figur. Eine Sammlung von Eigenschaften und Verhaltensweisen, die in den allermeisten Fällen von beiden Geschlechtern gespielt werden kann. Im Theater mache ich genau das seit Jahren: ich ändere ständig die Geschlechter der Rollen. Eine Frau kann genauso Strenge zeigen wie ein Mann mütterlich sein kann. Es ist alles nur eine Frage der Vorstellungskraft. Und der eigenen Überwindung der Grenzen im Kopf.

Ich weiß, dass das Überleben unserer Art fest einprogrammiert ist. Die aktuelle gesellschaftliche Situation ist zwar schon besser als vor Jahrzehnten, aber noch immer zeitweise deprimierend. Unsere Instinkte sind manchmal übermächtig. Aber es ist erlaubt, auch auf den Kopf zu hören. Wirklich. Auch, wenn das unfassbar klingen mag.

Wir alle sind Opfer des Gender Bias. Ausnahmslos alle! Im Blog Büronymus gibt es einen ganz fantastischen Artikel dazu: Klick!
Aber nur, weil das der Fall ist, heißt es nicht, dass es sich nicht ändern kann. Irgendwann, in tausenden von Jahren. Wenn wir das wollen, müssen wir bei uns anfangen, unsere eigenen Gedanken hinterfragen. Immer und immer und immer wieder. 
Das ist anstrengend, aber es lohnt sich.

Als Inspiration ein wunderbares Video, in dem Dustin Hoffman die Erkenntnis mit uns teilt, dass es so viele interessante Menschen (er bezieht sich in seinem Fall auf Frauen) da draußen gibt, die wir nie kennenlernen, weil sie nicht unseren optischen Vorlieben entsprechen.
Wir müssen nicht jeden auf seine Tauglichkeit als Paarungspartner analysieren. Wir können auch einfach so an der Person interessiert sein: als Mensch. Und es reicht vollkommen, wenn die Person einem sympathisch ist. Sie muss nicht schön sein und sie muss nicht unser bevorzugtes Geschlecht haben.






Lasst uns endlich tun, was wir tun wollen. Unabhängig von unserem Geschlecht. Einfach als Mensch.
Ich fang schon mal an.



Montag, 17. Juli 2017

Fehler, die ich in der Teamleitung gemacht habe: #2 Zu wenig Distanz


Letzte Woche startete ich eine Reihe über meine fünf größten Fehler in der Teamleitung, heute ist Fehler Nummer 2 an der Reihe:

#2 Zu wenig Distanz


Nach meiner Ausbildung zur Kaufmännischen Assistentin hatte ich den Wunsch, das Theaterspiel, das mich vorher immer wieder während der Schulzeit und auch durch die Theaterkurse meiner Mutter (sie ist Lehrerin für Darstellendes Spiel) begleitet hatte, wieder aufleben zu lassen.
Damals gab es noch StudiVZ und ich fand Gleichgesinnte, die Lust hatten, gemeinsam eine freie Theatergruppe zu gründen. Ich hatte keinerlei Erfahrung im Leiten einer solchen Gruppe, aber ich war schon immer Antreiberin und Organisatorin, also ergab es sich, dass dieser Bereich in meine Hände fiel. Es war eine reine Hobbygruppe und es entwickelten sich nach und nach Freundschaften. Doch wenn Freundschaften auf gemeinsame Zielerreichung treffen, kann es schwierig werden.
Ich wollte gern mit allen befreundet und gleichzeitig eine ernstzunehmende Gruppenleiterin sein. Konflikte waren in dieser Konstellation natürlich vorprogrammiert. Gleichzeitig mit den Teilnehmerin kuschelig sein und am nächsten Tag streng durchgreifen, führt zwangsläufig zu Irritationen.

Als ich dann einmal eine Entscheidung zugunsten der Gruppe, aber gegen das Interesse eines Individuums traf, eskalierte die Situation. Es gab eine lange Diskussion in der ganzen Gruppe und ich merkte, in was für einen schwierigen Posten ich mich manövriert hatte. Die Freundin wurde persönlich und sagte einen Satz, der dafür sorgte, dass mein Interesse an einer Versöhnung schwand. Dass diese Freundschaft nicht hielt, war in Ordnung, das passiert im Leben. Aber dass die Gruppe so nicht wirklich zu führen war, wurde mir immer klarer.

Durch diesen Anspruch an ein freundschaftliches Verhältnis innerhalb der ganzen Gruppe, wurde schnell klar, dass es schwierig würde, eine klassische Leitungsposition innezuhaben. In mir wuchs der Wunsch, einen professionellen Abstand zur Gruppe zu erlangen. Mit Beginn unserer Ausbildung zur Theaterpädagogin beschlossen meine Co-Leiterin (ebenfalls eine Mitspielerin der Gruppe) und ich, dass wir generell professioneller agieren möchten. Wir wollten die Gruppe auf ein neues Niveau heben, Theaterübungen und WarmUps zu Beginn der Proben einführen und die reinen Quatschrunden aus der Probenzeit auslagern. Ein Großteil der Gruppe stellte sich jedoch ganz klar gegen diesen Wunsch. Sie wollten die Lockerheit und Zwanglosigkeit beibehalten. Somit spaltete sich die Gruppe, ein Teil der Leute stieg aus und wir machten mit denen weiter, die Lust auf einen geregelteren Probenprozess hatten.

Die Schwierigkeiten mit der geringen Distanz wurden aber nicht leichter. Immer noch war ich mit den Teilnehmern, die verblieben waren, eng befreundet, es waren intime Freundschaften, in denen wir uns viel anvertrauten, was aber das Verhalten während der Proben erschwerte.

Ich musste während dieser Zeit mühsam lernen, dass in einer Leitungsposition eine gewisse Distanz zur Gruppe essentiell ist. Die Gruppe muss als Einheit für sich existieren, ich bin nur der Begleiter und Unterstützer. Je intensiver ich in die inneren Gruppendynamiken involviert bin, desto mehr verändert sich die Stimmung in der Gruppe und desto schwieriger ist es, Konflikte zu moderieren und die Gruppe durch Krisen zu führen.

Als ich dann anfing, beruflich in den Bereich einzusteigen, hatte ich automatisch eine distanziertere Position, aber anfangs Angst, mich überhaupt mit jemandem anzufreunden. Diese Angst habe ich im Laufe der Jahre abgelegt. Manchmal begegnen mir in meinen Kursen Menschen, mit denen ich sofort auf einer Wellenlänge liege. Und genau deshalb sind es auch Menschen, die durchaus zwischen mir als Privatperson und mir als Gruppenleitung und auch Dienstleisterin unterscheiden können. Ich achte darauf, private Themen nicht zu oft in die Gruppen zu tragen und ich wahre stets eine gewisse Distanz zu meinen Teilnehmern. Albern, offen, flapsig und enthusiastisch bin ich trotzdem. Darauf will ich auf keinen Fall verzichten!

Freitag, 14. Juli 2017

Entwicklung - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der dreiundsechzigste Wert ist:


ENTWICKLUNG

Wikipedia sagt:
die körperliche und seelische Entwicklung im Zuge des individuellen Lebens, siehe Ontogenese(https://de.wiktionary.org/wiki/Entwicklung)

Entwicklung, wie wunderbar! Entwicklung ist nicht nur ein Wert, nach dem man leben kann, es ist zugleich etwas, was im Leben ganz automatisch passiert.
Das ist einerseits entspannend, andererseits aber auch schwierig. Dass wir uns entwickeln, steht außer Frage, aber zu was entwickeln wir uns? Inwiefern? Und wohin?

Wenn wir uns entwickeln, heißt das nicht automatisch, dass wir uns verbessern. Wobei man natürlich auch erst einmal definieren müsste, was für einen selbst persönlich "Verbesserung" bedeutet.
Für mich bedeutet eine Verbesserung, dass ich in einem Aspekt, einer Geisteshaltung, einer Verhaltensweise oder einer Tätigkeit vorankomme, sicherer bin und perfektere Ergebnisse erziele.
Wenn ich mein erstes Strickstück mit der Mütze vergleiche, die ich vor kurzem gestrickt habe, sehe ich eine Verbesserung. Und zugleich eine Entwicklung: von einem Anfänger habe ich mich zu einem ... fortgeschrittenen Anfänger entwickelt. Immerhin.
In anderen Gebieten habe ich schon einen größeren Schub in der Entwicklung vollzogen. Dabei habe ich gemerkt, dass Entwicklung immer auf Zeit beruht.
Je intensiver ich meine Zeit für eine Aufgabe einsetze, desto mehr entwickle ich mich vorwärts, ich verbessere mich. Je weniger Zeit ich investiere, desto langsamer geht es vorwärts. Oder sogar rückwärts, denn eine Entwicklung kann auch eine Verschlechterung sein.

Als Lebens-Wert ist vermutlich eine Entwicklung zum Besseren gemeint. Eine positive Weiterentwicklung des eigenen Charakters, der eigenen Fähigkeiten, des eigenen Selbstvertrauens.

In meinem Job habe ich den wunderbaren Luxus, andere Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Vielleicht auch sie ab und zu voranzutreiben.
Aber vor allen Dingen: sie zu beobachten.
Wenn ich eine Theatergruppe über mehrere Jahre begleite, bin ich immer wieder erstaunt, wie deutlich Entwicklungen zu beobachten sind. Dabei gehen die persönlichen Entwicklungen mit den schauspielerischen Hand in Hand.
Mit jeder neuen Rolle, die innerhalb eines halben bis dreiviertel Jahres einstudiert wird, wird die Person herausgefordert. Sie muss sich eine neue Sprechweise antrainieren oder neue Bewegungsmuster aneignen. Solch ein anderes Verhalten in den Körper zu transportieren ist eine wahnsinnig schwierige Aufgabe. Umso größer ist die Freude, wenn genau das gelingt.
Oft habe ich erlebt, dass die Entwicklung einer Figur während der Proben stagnierte. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Anforderungen, die die Rolle stellt, einfach zu hoch sind, vielleicht unschaffbar. Doch plötzlich, bei der Premiere, mit der Energie, die die Bühne und das Publikum einem geben, wurde diese Rolle lebendig. Ich wurde umgehauen mit einer neuen Spielweise, die Monate lang versteckt war.
Vielleicht aus Unsicherheit. Vielleicht aus Scham. Vielleicht aus Abneigung gegen die Rolle. Vielleicht, weil die Bühnensituation gefehlt hat. Die Gründe sind so vielfältig und individuell wie die Spieler.

Aber mit jeder neuen Rolle entwickelten sich die einzelnen Menschen auch auf persönlicher Ebene weiter. Mit jedem Notfall, mit jeder Herausforderung, mit jeder Katastrophe und mit jedem Freudenjubel über das gemeinsam erreichte Finale gewinnt jeder einzelne ein Stück mehr Freiheit.

Die Freiheit, eigene Facetten zu leben. So wie ein Baum im Laufe seines Lebens wächst, Äste ausbildet, aus denen wiederum kleinere Äste und daraus kleine Zweige entstehen, an denen Blätter, Blüten und Früchte wachsen, so entwickeln auch wir uns erst in die Höhe und dann - im Optimalfall - immer weiter in die Breite. Wir lernen und probieren Neues aus, wir werden in manchen Bereichen stärker und gefestigter und entwickeln auf dieser Basis neue Interessen, um in andere Höhen vorzustoßen.

Oft ist einem diese Entwicklung gar nicht gewahr. Wir können einfach öfter mal innehalten und zurückblicken. Einen gedanklichen Zeitsprung in die Vergangenheit machen und unser altes Selbst betrachten. Dann merken wir plötzlich: wow, so weit bin ich schon gekommen!

Mit jeder Herausforderung, die wir annehmen, mit allem Neuem, dem wir uns stellen, setzen wir die Weichen für die eigene Entwicklung.

Auch wenn er letzte Woche schon zu Wort kam, konnte ich diesem Zitat von Henry Ford nicht widerstehen:

Foto: "Wir sind noch einmal davongekommen", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/