Freitag, 18. August 2017

Abenteuer - Blogreihe #wertekatalog

Value-Friday, heute zum letzten Mal mit dem allerletzten Wert der Blogreihe #wertekatalog,

Der achtundsechzigste Wert ist:


ABENTEUER

Wikipedia sagt:


Als Abenteuer (lat.: adventura: „Ereignis“; mittelhochdt.: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich stark vom Alltag unterscheidet. Es geht um das Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas Wagnishaltiges zu unternehmen, das interessant, faszinierend oder auch gefährlich zu sein verspricht und bei dem der Ausgang ungewiss ist. In diesem Sinne gelten und galten Expeditionen ins Unbekannte zu allen Zeiten als Abenteuer. (https://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuer)

Abenteuer ist ein Wort, das ein bißchen von der ursprünglichen Bedeutung weggedriftet ist, um nun in ganz individuellen Kontexten gebraucht zu werden.
Noch immer bedeutet ein Abenteuer eine neue, ungewohnte Unternehmung. Etwas, bei dem man die eigene Komfortzone verlässt.
Jedoch wird der Begriff nicht mehr unbedingt für waghalsige Reisen oder Ausflüge genutzt, sondern bezeichnet auch berufliche neue Pfade, neue soziale Konstellationen und generell oft persönliche Herausforderungen.

Das Tolle an einem Abenteuer ist die Mischung aus Fazination und Angst. Ein Abenteuer hat stets zwei sehr stark ausgeprägte Pole, die miteinander in einer wichtigen Wechselwirkung stehen.
Wenn wir ein Abenteuer wagen, dann deshalb, weil wir sowohl unsere Angst überwinden als auch etwas Neues erleben wollen. Nur einer der beiden Punkte macht noch kein Abenteuer aus.
Ein Abenteuer hat für mich immer mit einem Funkeln in den Augen zu tun, mit dem Anflug eines herausfordernden Lächelns, mit einem Bild unendlicher Möglichkeiten. Es ist immer mit einem starken Reiz verbunden, etwas, was uns zieht und hinausträgt – trotz unserer Angst.

Da dies der letzte Artikel einer sehr langen Blogreihe ist, würde ich gern schreiben, dass es ein Abenteuer war. Aber das war es nicht. Es war am Anfang eine Challenge und später ein liebgewonnenes Ritual. Dabei von einem Abenteuer zu sprechen, wäre übertrieben. Schade eigentlich, es hätte so gut geklungen.

Generell bin ich kein abenteuerlustiger Mensch, aber ich habe dennoch Freude an einem Abenteuer, wenn es sich ergibt. Im Nachhinein sind abenteuerliche Situationen nämlich immer wunderbarer und aufregender als im Moment des Geschehens.

Schon immer hatte ich eine Affinität zu Abenteuergeschichten, besonders solchen, die auf hoher See spielen. Dabeisein möchte ich jedoch nicht.
Auch Roadmovies begeistern mich, ich selbst habe noch nicht einmal einen Führerschein.
Ich bin ein Sofa-Abenteurer, gucke mir Reisedokus auf arte an und trinke dabei Tee. Und ich liebe es.

Der Begriff "Abenteuer" ist immer ein individueller. Was für den einen mit einem (inneren) Risiko verbunden ist, ist für den anderen normal. Die Komfortzone ist für den einen eine Weltreise, für den anderen ein Häuschen im Grünen. Für den einen ist eine feste Beziehung eine extreme Herausforderung, für den anderen totale Normalität. Manch einer würde mit einem ersten Date niemals nach Hause gehen, für jemand anderen ist das gar kein Problem.

So habe ich in meinem Leben sicherlich viele Dinge gemacht, die für andere weit außerhalb ihrer Komfortzone liegen und vermutlich als Abenteuer bezeichnet würden.
Auf der Bühne stehen und Theaterstücke inszenieren, ist eines davon. Gruppenleiten ein anderes.
Es ist wunderbar, dass jeder von uns seine ganz eigenen Herausforderungen hat, dass wir jeder unsere ganz eigenen Abenteuer bestehen.


Mit meiner Arbeit kann ich anderen Menschen einen Raum für Abenteuer geben. Zum ersten Mal an einer Theaterproduktion mitzuwirken und auf der Bühne zu stehen, kann ein überwältigendes Abenteuer sein. Für manche meiner Teilnehmer ging damit ein Lebenstraum in Erfüllung.

Genau für diese Abenteuer liebe ich meine Arbeit. Und für all die Abenteuergeschichten, die es noch auf die Bühne zu bringen gilt. Let´s go for it!


Dieser letzte #wertekatalog-Post endet mit einem Zitat von Erasmus von Rotterdam:

Foto: "DREAMS INC.", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/

Freitag, 11. August 2017

Ehrlichkeit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der siebenundsechzigste Wert ist:


EHRLICHKEIT

Wikipedia sagt:


Ehrlichkeit bezeichnet die sittliche Eigenschaft des Ehrlichseins (von „ehrlich“, ahd. „êrlîh“, mhd. „êrlîch“) und wird heute meist in der Bedeutung von Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Offenheit, Geradlinigkeit und Fairness verwendet.
Die Ehre (Ehrenhaftigkeit) als persönliches Attribut kann als Ergebnis der Ehrlichkeit (ehrlichen Verhaltens) angesehen werden. Parallel dazu läuft die Entwicklung von „ehrlich“ und „Ehrlichkeit“. Bis vor einigen Jahrzehnten verstand man unter einem ehrlichen Menschen ausschließlich einen Menschen, der nicht lügt und nicht stiehlt: So lautete die Forderung seit der Pädagogik der Aufklärung. Die Erziehung zur Ehrlichkeit oder – negativ gewendet – die Verabscheuung der Lüge blieb ein zentrales Anliegen erzieherischer Praxis. In neuerer Zeit – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durch literarische Werke wie etwa Osbornes Look back in Anger („Blick zurück im Zorn“) oder Kingsley Amis’ Lucky Jim angebahnt – hat sich eine Bedeutungserweiterung vollzogen: Als „ehrlich“ werden mittlerweile auch jene Menschen bewertet, die zu sich selbst, ihren Macken, ihren Defiziten, ihren entwicklungsbedingten Störungen usw. (reflektiert) stehen und nichts beschönigen. Unterschieden wird Ehrlichkeit im Reden, was bedeutet, die Wahrheit zu sagen, und die Ehrlichkeit im Verhalten, zum Beispiel um andere nicht zu manipulieren, nicht zu täuschen, um anderen nicht zu schaden oder einen Auftrag (ohne einen eigenen Vorteil wahrzunehmen und im Sinne eines fairen Auftraggebers) sachlich zu Ende bringen.(https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrlichkeit)

Ehrlichkeit ist ein Wert, über den ich mir immer wieder Gedanken mache.
In einer Welt, in der wir einander liebevoll, auf Augenhöhe und mit Achtsamkeit begegnen wollen, stellt sich die Frage, wie wir Ehrlichkeit in diesem Zusammenhang leben.

Ehrlichkeit wird von vielen als Ausrede für Beleidigungen benutzt. "Ich bin einfach nur ehrlich" gilt als Legitimation, sich wie ein Arschloch zu verhalten und das Gegenüber zu bewerten und somit herabzusetzen.
Aber wie bin ich ehrlich, ohne gemein zu sein?
Ich denke, der erste Punkt ist, dass ich meine Meinung sage, wenn ich danach gefragt werde. Wenn jemand an mir als Person oder an meiner Arbeit / meinem Werk herumkrittelt, ohne dass ich ihn danach gefragt habe, empfinde ich das oft als übergriffig oder beleidigend.
In meiner Zuschauertypen-Sammlung habe ich diesen Typus auch mitaufgenommen, denn er begegnet einem immer wieder. Natürlich sollte jeder seinen kritischen Blick schulen und ich begrüße es, wenn jemand seine Meinung in Worte fassen kann, auch und gerade, wenn sie negativ ist.

Mir hat es geholfen, mir selbst ein paar Fragen zu stellen, bevor ich jemandem negatives Feedback gebe:
  • Ist es nötig, um in der aktuellen Situation voranzukommen?
  • Ist es für die Person wirklich hilfreich?
  • Ist es für die Person wichtig?
  • Habe ich einen Verbesserungsvorschlag?
  • ... oder fühle ich mich gerade unterlegen und möchte nur den Status der Person senken?
Letzteres ist leider sehr häufig der Fall.
Sagt jemand nach einer Theaterinszenierung zu mir "Ihr wart zu leise.", "Ich hätte mir noch mehr Energie auf der Bühne gewünscht." oder "Ich habe die Handlung im 2. Akt nicht verstanden.", ist das für mich hilfreiche Kritik. Derjenige gibt mir wertvolles Feedback und benennt konkrete Probleme oder Fehler. Darauf kann ich eingehen und es beim nächsten Mal verbessern.
Sagt jemand hingegen "Naja, bei euch geht es ja hauptsächlich um den Spaß." oder "Die Gesangsnummer grenzte an eine Zumutung.", sind die Aussagen unkonkret, beleidigend gemeint und dienen dem Kritikgeber als Status-Heber. Er fühlt sich dadurch (kurzfristig) besser, ich mich beschissen. Und geholfen ist mir damit auch nicht.

Werde ich nicht nach meinem Eindruck oder meiner Meinung gefragt, ist immer die Frage, aus welchem Grund ich meine ehrliche Meinung sagen möchte.
Um dem anderen ein gutes Gefühl zu geben? Super.
Um dem anderen wirklich zu helfen! Super.
Um meine schlechte Laune loszuwerden und mich dadurch besser zu fühlen? Unnötig.

Wenn mein Gegenüber eine negative Meinung von mir nicht braucht, also damit nichts anfangen kann außer sich schlecht zu fühlen, dann ist es am sinnvollsten, einfach mal die Klappe zu halten.
Den anderen nicht zu beleidigen heißt nicht, ihn anzulügen. Den anderen nicht zu beleidigen heißt, dass mir sein Wohlergehen wichtig ist und ich ihm auf Augenhöhe begegnen will. Dafür muss ich mit meinen eigenen Unsicherheiten umgehen können – und diese auch einfach mal aushalten.

Denn im Grunde ist Ehrlichkeit etwas wunderbares. Sie schafft eine Nähe zwischen Menschen und sorgt dafür, dass wir uns verstanden und gesehen fühlen.
Wir können ehrlich zu uns selbst stehen, uns dem anderen so zeigen, wie wirklich sind. Wenn wir uns das trauen, brauchen wir keine Beleidungen mehr. Dann fühlen wir uns einfach so richtig wohl.

Schön formuliert es William Somerset Maugham:

Foto: "Meister und Margarita", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/

Mittwoch, 9. August 2017

Recap/Preview #7



Der Sommer geht in seine Schlussphase! Zeit für Recap #6!



Und schon wieder ein halbes Jahr vorbei ...
... , was ich daran merke, dass es Zeit für ein neues Spielzeitmagazin ist. Seit einer Woche ist es online und vollgepackt mit tollen Sachen: Fotostrecken, Interviews, Gruppeninfos, Zitaten. Guckt mal rein: Klick!

Ebenfalls vorbei ist in wenigen Wochen meine Blogreihe #wertekatalog. Über ein Jahr lang habe ich jeden Freitag über einen Wert der Werteliste des Kalenders "Ein guter Plan" gepostet. Nun sind bald alle Werte abgehakt. Schade und schön zugleich, denn bald gibt es die #freitagsgedanken. Ick freu mir!



Status-Shooting

Endlich konnte ich eine kleine Gruppe williger Menschen zusammenstellen, die für mich Fotomodell waren. In einem 1,5-stündigen Workshop gab es einen ersten Einblick in das Thema Status und nebenbei wurden eifrig Fotos geknipst. Das Ergebnis seht ihr als Hintergrund-Galerie auf meiner Website: http://www.sarah-bansemer.de/status



Neu, neu, neu!
Der Sommer gibt mir immer Zeit, neue Konzepte zu entwickeln, neue Kurse und Workshops zu planen. Und zwei neue Kurse beginnen im Herbst. Für alle, die morgens munterer sind, gibt es Freitags um 9 Uhr Improtheater pur im Kurs "Raus damit!". Direkt im Anschluss findet der Kurs "Weil ich´s kann." statt, ein Gemisch aus Theater, Networking und Selbsterfahrung. Ein ganz neues Format, das hoffentlich allen Teilnehmern viel Spaß bringt.
Ihr findet alle Infos zu den Kursen hier: Klick!



Theaterstückchen statt Theaterstücke
... gab es im Café Fincan in Neukölln beim Theater-Taster. Mit dabei: meine Genossenschaft und ich. Ein schöner Abend mit Impro, André aus der WerkStadt (ein Interview mit ihm findet ihr im Spielzeit-Magazin), einem Ausschnitt von Maria-Stuart (Probenfotos gibt´s ebenfalls im Magazin!) und einer neuen kurzen Überraschungs-Geschichte von uns.
Ich freue mich, wenn das Format wiederholt wird und wir werden bestimmt auch beim nächsten Mal dabei sein. Noch mehr Fotos gibt es hier: Die Genossenschaft








Barcamp-Time!
Ende September findet wieder das LifeWorkCamp in Berlin statt! Die Vorfreude ist riesig!
Dieses Mal geht es leider nur einen Tag, aber auch den werden wir mit tollen Sessions und schönen Gesprächen füllen.
Wenn ihr dabei sein wollt, könnt ihr euch hier anmelden (auf der Website sind noch zwei Tage angegeben, aber vom Organisator Jan Theofel weiß ich, dass es nur der Freitag sein wird):
http://www.theaterberlin.blogspot.de/2016/11/ruckblick-zum-lifeworkcamp-berlin-2016.html

Montag, 7. August 2017

Fehler, die ich in der Teamleitung gemacht habe: #5 Fehlendes Engagement



Vor kurzem startete ich eine Reihe über meine fünf größten Fehler in der Teamleitung, heute ist der letzte große Fehler, Nummer 5, an der Reihe:

#5 Fehlendes Engagement


Theaterpädagogik lebt – wie Pädagogik allgemein – von der Partizipation derjenigen, mit denen man arbeitet, denen man etwas beibringen will.
In der Theaterpädagogik werden die Spieler intensiv in den Entstehungsprozess involviert, sie machen quasi die Arbeit selbst, übernehmen Aufgaben, Entscheidungen, haben eigene Ideen.

Diesen Gedanken hatte ich durch die Ausbildung extrem stark verinnerlicht. Ich hatte gelernt, die Spieler machen zu lassen und die Gruppe "sich selbst entwickeln zu lassen".
Zumindest dachte ich, dass es so passiert.

Die schon erwähnte Ablehnung und zu viel Distanz führten aber mit der Zeit dazu, dass ich mich immer weniger in den Gruppenprozess und vor allen Dingen in das Endprodukt einbrachte.
Wenn die Spieler andere Vorstellungen als ich hatten, gab ich schnell nach und dachte, dass SIE ja auf der Bühne stehen müssen, nicht ich. Und somit ließ ich sie in vielen Fällen oft einfach machen. Ich scheute Auseinandersetzungen und Diskussionen und entwickelte somit immer weniger Engagement.
Mir wurde die Aufführung egaler.

Diese Entwicklung war fatal. Gar nicht mal so sehr für die Gruppe, sondern vor allen Dingen für mich selbst und meine Freude an der Arbeit. Das, was ich an meinem Job liebe, ist der Schaffungsprozess, das Inszenieren.
Ich kreiere gern lebendige Bilder, mit Bewegung, Stimme, Kostüm und Maske. Ich liebe es, wenn das Gesamtbild in sich stimmig ist, wenn alles passt. Ich freue mich, wenn jemand über sich hinauswächst, wenn er auf der Bühne agiert wie er es zuvor noch nie getan hat, wenn er ein Kostüm trägt, das er sich sonst nie trauen würde zu tragen, wenn er bedeutende Sätze sagt ohne sich zu schämen.

All das ging mir durch mein fehlendes Engagement verloren. Nach einer inneren kleinen Krise, erkämpfte ich mir dieses Engagement wieder.
Ich wusste: meine Arbeit funktioniert nicht, wenn mir das Ergebnis egal ist. In jedem Projekt muss der Projektleiter eine Vorstellung vom Ergebnis haben.
Das heißt nicht, dass sich diese Vorstellung mit der Zeit verändern kann – das passiert bei mir ständig –, aber es muss immer eine Vorstellung da sein.

Heute kann ich mit den Ideen meiner Spieler spielen. Ich bin gespannt, für welche Stücke sie sich entscheiden und lasse mich auf ihre Ideen ein. Diskussionen werden nicht mehr gescheut, aber ich bemühe mich, sie nicht ausufern zu lassen – zum Wohl aller.
Meine Spieler treffen stets den Löwenanteil der Entscheidungen und bestimmen den roten Faden der Inszenierung. Im Gruppendrang-Kurs noch stärker als z.B. bei den Vorspielern. Das müssen sie auch, ist es doch ihr Projekt.
Ich halte die Fäden zusammen, suche nach Logik-Fehlern und bin mit meinem Theatererfahrungsschatz dabei. Und ich bringe Ideen ein. Manchmal werden sie begeistert übernommen, manchmal entstetzt abgelehnt.
Das macht nichts. Denn das wichtigste ist: ich habe wieder Spaß am Inszenieren.

Freitag, 4. August 2017

Authentizität - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der sechsundsechzigste Wert ist:


AUTHENTIZITÄT

Wikipedia sagt:

Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch.[...] Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.(https://de.wikipedia.org/wiki/Authentizität)


Heute mal ein Wert, der in Gesprächen immer gern zitiert wird. Schnell wird etwas oder jemand als authentisch oder unauthentisch betitelt. Manchmal vielleicht zu schnell?

Authentizität beschreibt in erster Linie, ob wir Schein und Sein als kongruent wahrnehmen.
Auf Menschen bezogen: wenn das äußere Verhalten zur inneren Einstellung passt. Und das ist gar nicht so oft der Fall.
Um authentisch zu sein, müssen wir mehrere Kriterien erfüllen:
  • uns unserer eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein
  • ehrlich mit uns selbst sein und auch unangenehme Rückmeldungen akzeptieren
  • konsequent nach unseren eigenen Werten handeln (auch zu unserem eigenen Nachteil)
  • die Bereitschaft haben, negative Seiten nicht zu verleugnen (Stichwort Aufrichtigkeit)




Gar keine so leichte Aufgabe, dieses Authentisch-Sein. Dennoch kriegen wir es erstaunlich oft hin.
Das beruhigende ist: ein authentischer Mensch ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Er ist nicht automatisch beliebt oder sympathisch oder erfolgreich oder beeindruckend. Er IST einfach.

Authentizität bedeutet runtergebrochen einfach SEIN. Die eigenen Gefühle wahrnehmen und annehmen. Sie je nach Impuls nach außen tragen oder auch nicht. Sich seiner eigenen Wertvorstellungen und Prinzipien klar zu sein und diese zu vertreten.

Zu Unrecht wird der Begriff "Theater" oft missbraucht, wenn etwas als unauthentisch beschrieben wird.
Theater ist für viele der Inbegriff des Falschen, der Schein entspricht nicht dem Sein. In Redewendungen wird das besonders deutlich. Gefällt uns nicht, wie ein Mensch sich verhält, reden wir gern davon, dass er eine "Maske" trägt, er ist dann "ein guter Schauspieler". Übertreibt jemand in seiner Reaktion, wird er mit "Mach nicht so ein Theater!" ermahnt.

Aber ist Theater wirklich unauthentisch? Ich denke nicht.
Im Theater stehen Menschen auf einer Bühne und spielen anderen Menschen, die ihnen zuschauen, etwas vor. Man könnte meinen, dieser Fakt allein sei ein Zeichen für Unauthentizität. Sie spielen ja nur, sie sind es ja nicht.
Doch so wie wir uns selbst als Mensch betrachten, müssen wir auch die Figur, die ein Schauspieler verkörpert, als einen Menschen sehen.
Die Rolle, die ein Schauspieler spielt, ist ein Charakter für sich. Dieser Charakter hat seinen eigenen Wertekatalog. Erfüllt diese Rolle in ihrem Handeln den eigenen Wertekatalog, ist sie authentisch.
Der Schauspieler mag ganz andere Werte haben, aber in diesem Moment ist seine Aufgabe, eine andere Person darzustellen, nicht sich selbst.
Interessant ist dabei, dass die Rolle natürlich Elemente des Schauspielers besitzt, mindestens mal den Körper und das damit verbunde Aussehen sowie die Stimme.
Das macht es für uns Zuschauer so schwer, zwischen Rolle und Spieler zu trennen. Je stärker der Kontrast zwischen beiden ist, desto leichter fällt uns eine differenzierte Betrachtung.

Da die Rolle über die Authentizität entscheidet, gibt es im Theater auf der Bühne authentische und unauthentische Charaktere. Verhält sich jemand nicht entsprechend der Werte, die er zu vertreten behauptet, erscheint er unglaubwürdig und somit unauthentisch. Ein gutes Beispiel dafür ist Franz Moor aus Schillers "Die Räuber".
Verhält sich jemand sehr klar seinen Werten entsprechend, ist er für uns authentisch, wie beispielsweise Howard Roark aus Ayn Rands "The Fountainhead".


Theater ist immer ein Vergrößerungsspiegel unserer eigenen Welt. Die Reaktionen sind stärker, die Emotionen größer, die Stärken stärker und die Schwächen schwächer. Und es ist – wenn es gut inszeniert ist – auch immer authentisch.

Theaterrollen können ein Vorbild für Authentizität sein. Das Theaterspielen hilft uns aktiv dabei, selbst authentischer zu werden.

Deshalb kommt heut zum Schluss auch mal wieder ein Theatermensch zu Wort – Oscar Wilde:

Foto: "Meister und Margarita", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/

Mittwoch, 2. August 2017

Spielzeit-Magazin 2017



Juhuuuu, das neue Spielzeit-Magazin ist online!

Es gibt:
  • Infos zu den letzten und nächsten Aufführungen, der Vorspieler, Spielschauer und der Tiger Alien K(r)uh
  • ein Interview mit André Schneider vom WerksTheater
  • eine Kurzvorstellung der Theaterpädagogin Susanna Quandt
  • neue Kurse und Workshops
  • ein Theaterbesuch im Deutschen Theater
  • ein Besuch bei "Maria Stuart"
  • ... und viel mehr!
Schaut mal rein: http://www.sarah-bansemer.de/sarahbansemer/magazin

Montag, 31. Juli 2017

Fehler, die ich in der Teamleitung gemacht habe: #4 Ablehnung



Vor kurzem startete ich eine Reihe über meine fünf größten Fehler in der Teamleitung, heute ist Fehler Nummer 5 an der Reihe:

#4 Ablehnung


Schon hier habe ich letztes Jahr darüber geschrieben, dass es mir früher oft an Respekt für meine Mitmenschen mangelte.
Es gab oft Menschen, die mich genervt haben, mit denen ich nicht klarkam, deren Charaktereigenschaften sich von meinen unterschieden. Je verschiedener wir waren, desto schwieriger fiel es mir, die andere Person zu respektieren.

Es gab Eigenschaften, die mich innerlich auf die Palme brachten: Verpeiltheit, Vergesslichkeit, Desinteresse, Sprunghaftigkeit, konservatives Denken. Arbeitete ich mit einer Person zusammen, die diese Eigenschaften zeigte – egal ob Kunde oder Kollege – wurde ich innerlich unruhig und begann teilweise eine richtige Abneigung gegen diesen Menschen zu entwickeln.
Ich lehnte Menschen ab, die nicht wie ich waren, die anders waren. Ihre Stärken konnte ich gar nicht sehen, weil ich im Geist so mit ihren Schwächen beschäftigt war.
Diese Ablehnung führte dazu, dass sich bei mir eine Lustlosigkeit einschlich. Und noch schlimmer: in meiner sowieso oft flapsigen Art begann ich spitze Bemerkungen zu machen. Meine negativen Gedanken fanden auf diese Weise ein Ventil – wenn auch kein gutes.

Je mehr ich die anderen ablehnte, desto mehr lehnten sie mich natürlich auch ab. In einer gewissen Naivität dachte ich, ich könne meine Ablehnung geheimhalten und mein Gegenüber würde davon gar nichts mitgekriegen.
Heute weiß ich: das ist absoluter Bullshit. Natürlich spürt mein Gegenüber, ob ich es mag oder ob ich es ablehne.

Irgendwann dämmerte mir, dass nicht die anderen das Problem waren, sondern ich. Wenn ich es nicht auf die Reihe kriegen würde, mein Menschenbild zu ändern, würden weder meine Kunden noch ich viel Spaß an der Arbeit haben.
Ich begann mich intensiver mit Statusverhalten, Persönlichkeitstypen und Gruppendynamik zu beschäftigen. Menschen verstehen, das war mein Ziel. Und das ist es bis heute.
Ich habe mir erlaubt, nicht jeden lieben zu müssen. Das wäre auch absurd.
Aber ich kann jeden respektieren und vor allen Dingen auch für die Dinge schätzen, die ihn wertvoll machen – als Mensch und als Teil der Gruppe.

Jeder von uns bringt soviel Potenzial mit. Mittlerweile kann ich das sehen und mich daran erfreuen. Und es durch das Theaterspielen immer mehr herauskitzeln.

Ich habe meine Kunden lieben gelernt – jeden auf seine ganz eigene, einzigartige Weise.

Freitag, 28. Juli 2017

Offenheit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der fünfundsechzigste Wert ist:


OFFENHEIT

Wikipedia sagt:

Das Merkmal Offenheit für Erfahrungen bildet zusammen mit Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (Big Five). Offenheit wird als normalverteilt angenommen, sodass die meisten Menschen mittlere Ausprägungen aufweisen und extreme Werte selten sind.
Menschen mit viel Offenheit werden charakterisiert durch Adjektive (lexikalischer Ansatz) wie
  • einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll
  • intellektuell neugierig, offen für neue Ideen
  • interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie
  • mit Vorliebe für Abwechslung (statt Routine), Neigung zu neuen Aktivitäten, neuen Reisezielen, neuem Essen usw.
  • aufmerksam für eigene und fremde Emotionen
Am anderen Ende der Skala (wenig Offenheit) stehen Adjektive wie konservativ, konventionell, routiniert, uninteressiert usw.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Offenheit)


Offenheit ist einer meiner Lieblingswerte und die Voraussetzung für das Schaffen von Kunst und für die eigene Entwicklung. Die Voraussetzung für Fortschritt und neue Ideen.

Als halbwegs routinierte Theaterspielerin habe ich im Laufe der Jahre eine große Offenheit entwickelt, aber es gibt immer noch Situationen, die für mich unangenehm oder peinlich sind. Situationen, die Überwindung kosten.

Vor einem halben Jahr etwa wollten meine Mitspieler der "Genossenschaft" und ich gemeinsam zum Karaoke gehen.
Schon mit der Gruppe Vorspiel hatten wir nach einer Derniere gemeinsam in einer Kabine der Ichiban-Karaoke-Bar gefeiert. Damals war ich neugierig und unsicher, wie das ganze wird, aber in der Kabine, nur zusammen mit den Menschen, die ich schon so lange kenne, war es sofort eine losgelöste Atmosphäre und wir haben uns gemeinsam heiser gesungen.

Nun sollte es also wieder in besagte Karaoke-Bar gehen. Eine Kabine hatten wir vorher nicht reserviert und beschlossen, das spontan vor Ort zu machen.
Aus unserer illustren Gruppe von sechs Leuten waren an dem Abend nur noch drei übrig, aber wir ließen uns von unserem Plan nicht abbringen. Als wir in der Bar ankamen, gab es jedoch keine freie Kabine und uns wurde gesagt, dass wir in 1,5 bis 2 Stunden eine Kabine bekommen könnten. So lange wollten wir nicht warten, also gingen wir in den großen Raum zur Hauptbühne, auf der jeder singen kann – wenn er denn jemals dran kommt.

Ich hatte mir in dem Moment, in dem ich in meinem Leben das erste Mal von Karaoke hörte, eingeredet, dass das absolut nichts für mich ist. Singen an sich: ja, gern. Aber nicht vor fremden Menschen, einfach so, in einer Bar. Trotz Theatererfahrung war das für mich etwas anderes. Dort oben stehe ich als ich selbst, nicht in einer Rolle, hinter der ich mich verstecken kann.
Einen Teil dieser Scheu hatte ich mit dem Karaoke-Singen in der Kabine abgelegt. Das Vorhaben, auf einer Bühne vor Fremden auf keinen Fall zu singen, war aber geblieben.

Und nun standen wir da, vor dieser Bühne. Ich haderte mit mir. Meine Genossen sagten, dass wir natürlich zusammen singen können, wir müssten da ja nicht allein auftreten.
Das war der richtige Auslöser, den ich brauchte. In dem Moment beschloss ich: Jetzt aber richtig! Wenn ich schon vor Fremden singe, dann aber auch allein. Challenge accepted!
Ich wählte meinen Klassiker, einen Song, den ich auswendig kann und schon beim vorherigen Karaokebesuch gesungen hatte: "Touch-A, Touch-A, Touch me" aus dem Musical "The Rocky Horror Picture Show". Ich schrieb nur diesen Song auf einen kleinen Zettel und gab ihn beim DJ und Moderator ab. Mit meinen Genossen suchten wir noch weitere Songs aus, die wir zu zweit oder zu dritt singen wollten und gaben auch diese auf Wunschzetteln ab.
Wir warteten und warteten und überlegten schon, wie lange wir noch durchhalten. Und plötzlich wurde mein Name angesagt.
Da ich für mich selbst die Entscheidung getroffen hatte, mich der Herausforderung zu stellen, war ich ganz ruhig und präsentierte da oben den Song. Was ich auf der Bühne gemacht habe, weiß ich nicht mehr so genau. Ich habe auch meine eigene Stimme nicht hören können, sondern nur die Hintergrundmusik.
Ich ging von der Bühne und war einfach happy, weil ich die Offenheit hatte, es endlich auszuprobieren. Es war gar nicht schlimm.

Und ich wurde noch zusätzlich belohnt: der DJ fühlte sich durch den Song inspiriert, direkt nach mir selbst auf die Bühne zu gehen und "Sweet Transvestite" aus dem gleichen Musical zu performen – inklusive Striptease. Mehr kann man sich nun wirklich nicht wünschen!


Offenheit macht uns verletzlich. Wir zeigen uns, wir präsentieren unsere wunden Stellen. Gleichzeitig macht sie uns aber auch durchlässig und frei. Wenn wir uns öffnen, können wir neue Impulse aufnehmen und uns ganz auf neue Erfahrungen einlassen. Wir können Kind sein, können Eintauchen in unsere ganz eigenen Erlebniswelten.

Offenheit ist etwas wunderbares und für uns alle ein wichtiges Gut. Lasst sie uns bewahren – und in anderen Menschen wecken!

Am Schluss noch ein kleiner Tipp von Alexander Smith – diese Erfahrung habe ich nämlich auch gemacht:

Foto: "Republik Vineta", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel/