Freitag, 12. Juni 2020

Corona-Theatertagebuch – Freitag, 12. Juni 2020



10:09
Uhr:

Manchmal, wenn ich morgens noch schlafe, frühstückt mein Mann schon und setzt sich dann mit Laptop und Tee wieder zu mir ins Bett, um ganz gemütlich in den Tag zu starten. Dann kommt unsere Katze G'Kar (ein Hallo an alle "Babylon 5"-Fans!) dazu. Das ist meist der Moment, an dem ich langsam wach werde, weil sie eine sehr unruhige Katze ist, die ewig braucht, um sich mal niederzulassen. Sie ist sehr zierlich, aber wenn das kleine Fliegengewicht dann gegen meinen Rücken fällt, merke ich das und muss immer grinsen.
So war es auch heut früh. Es ist mittlerweile eins meiner Lieblingsrituale geworden.

Habe eben diesen Artikel hier gefunden:
https://www.bento.de/gefuehle/coronakrise-kann-man-das-sozialleben-verlernen-a-586c3302-0a91-4063-b528-f34629f7aca0?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
Mir geht es ähnlich. Ich war schon vorher nicht so die Partymaus.
Oder ... nein, das stimmt nicht. Ich habe Parties geliebt. Ich liebe Tanzen und tolle Gespräche bis spät in die Nacht, leckeres Essen und ausgelassene Stimmung. Als Teenager gab es all das. Viele meiner Freunde tranken nicht oder hatten zumindest nicht viel Geld, um Alkohol zu kaufen. Wir hatten alle viel Zeit und Lust auf's Feiern – und haben gefeiert, wenn wir Lust hatten. Ich erinnere mich besonders gern an eine Klassenfahrt in der 7. Klasse, in der wir die einzige Klasse in einem Schullandheim in Thüringen waren. Es gab viele leere Räume, in denen wir rumtoben konnten. Meine Freundinnen und ich hörten Oldies auf dem Kassettenplayer und tanzten auf den Tischen – nachmittags um 15 Uhr.
Einige Jahre später standen wir immer pünktlich um 22 Uhr vor den Clubs, um uns von den Türstehern auslachen zu lassen, weil ja eh noch niemand da ist. Egal! Wir haben trotzdem getanzt, man hatte immerhin eine große, leere Tanzfläche für sich. Und bei privaten Feiern sowieso. Da wurde getanzt, sobald es losging – um 18 Uhr, 19 Uhr, 20 Uhr.
Je älter ich wurde, desto mehr veränderte sich das Partymachen. Mit Anfang 20 war es auf einmal anders. Plötzlich waren die Leute nicht mehr mit einer Cola in der Hand fröhlich, sondern erst ab dem dritten Bier. Und getanzt wurde auch erst weit nach Mitternacht, wenn schon alle genug Alkohol getrunken hatten. Ich aber trank und trinke keinen Alkohol und werde ab einer bestimmten Uhrzeit ganz normal müde, wenn keine Action passiert. Und die Action passierte immer später, je älter ich wurde. Tolle Gespräche gab es dann nicht mehr, weil die wenigsten Leute nüchtern genug dafür waren. Zumindest für mich persönlich sind alkoholsierte Gespräche irgendwie überflüssig und langweilig. Die Person erinnert sich am nächsten Tag sowieso nicht mehr so wirklich an das, über das wir geredet haben.
Es gab auch kaum noch Essen auf den Parties. Nur noch Alkohol und mit etwas Glück mal eine Tüte Chips.
Und so wurden Parties für mich immer mehr zu einer Warteveranstaltung. Warten auf Gäste. Warten auf Stimmung. Warten auf Essen. Warten auf's Tanzen. Das ist bis jetzt so. Ganz manchmal mache ich einen Versuch. Ab und zu wird es toll. Aber meist ist es – für mich – wieder eine Warteveranstaltung.
Ich hatte vor Jahren mal von Mittagspausen-Discos gelesen und war begeistert. In Berlin gibt's das natürlich nicht. Hier geht man frühestens um Mitternacht so ganz langsam los in den Club. Um solange wach zu bleiben, muss der Körper aufgeputscht sein. Das funktioniert bei mir manchmal nach einer Theateraufführung, da ist der Adrenalinpegel hoch. Geht man dann aber erstmal was Essen, ist das wieder vorbei und ich werde müde. Schwierige Kiste.

Jetzt zu Corona-Zeiten scheint mir der Gedanke an eine Party (noch) absurd. Aus Sicherheitsgründen. Mein Körper ist noch auf Abstand geeicht. Da ich in meinem Job, wenn er denn mit Gruppen offline stattfindet, auch die Verantwortung trage, dass Mindestabstände eingehalten werden, habe ich diesen Hab-Acht-Blick die ganze Zeit. Hinzu kommen die vielen Status-Workshops, die ich in meinem Leben schon gegeben habe, in denen es viel um Körpersprache geht.
Ich selbst bin ein eher distanzierter Mensch, der von allein nicht so viel Körperkontakt sucht (außer zu meinem Mann), aber in der Regel überhaupt kein Problem mit Berührung durch andere hat. Dennoch nehme ich es immer sehr genau wahr, wenn mich jemand berührt.
Momentan ist nur eben das Problem, dass Berührung nicht gewünscht ist ... eigentlich. Und ich nehme es auch jetzt wahr und kann es auch gut geschehen lassen, wenn es nur kurze Berührungen sind. Ich weiß, dass es schwer ist, es nicht zu machen. Außerdem müssen wir uns ja nach und nach wieder an ein soziales Miteinander gewöhnen. Ich besonders ...


14:47
Uhr:

Vielleicht erinnert ihr euch: vor einigen Wochen habe ich als Interviewpartnerin beim Projekt "Unter Strom" mitgemacht. Die Ergebnisse (es wurden mehrere Personen interviewt) feiern jetzt als eine Art Online-Collage Premiere. Hier könnt ihr euch durchklicken:
https://prezi.com/view/ZJjQ0fJMh0dkKIoHlrp8/




16:03 Uhr:

Habe mir aus zwei Knöpfen und etwas Draht kleine Siegel-Stempel gebastelt und ausprobiert, ob man mit Kerzenwachs Briefe versiegeln kann. Funktioniert nicht wirklich gut, weil das Wachs zu dünnflüssig und zu blass bzw. durchscheinend ist. Vielleicht kaufe ich mir demnächst mal Siegelwachs.
Falls sich jemand fragt, wozu ich Briefe versiegeln will: ich finde es einfach schön und auch für Theaterinszenierungen interessant.


20:40 Uhr:

Ein sehr lustiger Status-Workshop in Zoom liegt hinter mir. Mit vier entspannten Teilnehmenden, die sich auf die Improvisationen eingelassen und eifrig mitgemacht haben. Und sogar nach einem Aufbauworkshop gefragt haben. Na da werde ich mir doch mal was überlegen.

Hier im Dachgeschoss bei geschlossener Bürotür habe ich die kommende Hitze stark gemerkt. Bin jetzt ganz verschwitzt nach dem 90-minütigen Workshop.

Feierabend.

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