Samstag, 29. Oktober 2022

Corona-Theatertagebuch – Woche 137



Montag:

Ich war heute so in Arbeit vertieft, dass ich meinen Termin, um den ich meine lieben Kolleg*innen vom Kollegialen Austausch gebeten habe, fast verpasst habe. Wir haben heute gemeinsam spatial.io getestet, eine Online-Plattform, in der man mit eigenem Avatar sowie Video und Audio gemeinsam Zeit in verschiedenen Räumen und Landschaften verbringen. Hauptzweck ist glaube ich das Ausstellen von NFT-Kunst und anderen Objekten, aber wir wollten einfach mal gucken, wie man dort miteinander agiert, was die Avatare können und ob und wie man es für die Theaterpädagogik nutzen kann. Der kleine digitale Ausflug hat Spaß gemacht, auch wenn ich jetzt im Moment gerade keinen Nutzen habe. Dennoch behalte ich die Plattform im Auge und gucke, ob sie in einem späteren Projekt oder Workshop nutzbar ist.


Dienstag:

Morgens bereite ich mein Gästezimmer/Homeoffice ein bißchen für meinen spontanen Gast Carmen vor, dann habe ich Online-Stunde mit Nick, mit diesem Song:
https://youtu.be/J7ATTjg7tpE
Heute sind Nick und ich auf Zoom umgestiegen und haben dort erstmal gemeinsam die verschiedenen Hintergründe ausprobiert und eine Szene im Skilift improvisiert.

Den Rest das Tages habe ich dann mit meiner Freundin Carmen und meinem Mann verbracht: eine kurze Fährfahrt über die Warnow und ein ausgieber Spaziergang (wir haben einen Seeadler gesehen!!!), dann habe ich zum ersten Mal Kürbis-Hummus gemacht (superlecker!) und abends ein bißchen zusammen Serie-Gucken.




Mittwoch:


Vormittags ging es ans Meer, wo wir ausgiebig am Strand gesessen und auf's Wasser geguckt haben. Nach einem Mittagessen und einem kleinen Ladenbummel ist Carmen dann wieder zurückgefahren und ich bin nach Hause spaziert.

Jetzt hänge ich müde, aber sehr entspannt in den Seilen und habe abends noch meine Online-Theatergruppe.


Donnerstag:

Leute! Für die LAG brauchen wir dringend noch für unsere Intensivphase im März eine Theaterbühne in Berlin, wo wir 10 Tage lang tagsüber proben und aufführen können.
Wenn ihr Tipps habt: her damit!

Ansonsten bin ich voll in der Online-Arbeit während ich mich nebenbei mit meiner Kollegin und Freundin Katja immer wieder über Long Covid austausche. Sie hat sehr deutliche Symptome und häufige Erschöpfungszustände. Ich bekomme das alles durch den regen Austausch mit und bin geschockt, wie viele Menschen es immer noch gibt, denen die Krankheit entweder komplett unbekannt ist oder die sie nicht ernstnehmen, also psychosomatisch sehen (was faktisch nicht stimmt, es ist eine organische Erkrankung) oder sie sogar leugnen.
Diese Erkrankung betrifft mittlerweile schon so viele Menschen, die u.U. ganz oder teilweise arbeitsunfähig sind. Das ist fatal und erschreckend.
Ich selbst habe nur ganz leichte Long Covid Symptome, besonders im Hals-Rachen-Bereich. An manchen Tagen merke ich nichts, an anderen spüre ich ein unangenehmes Gefühl im Hals und produziere viel Schleim im Rachen. Wie eine leichte Erkältung, die permanent mitschwingt und sich mal kurz blicken lässt und wieder verschwindet. Auf jeden Fall sehr nervig. Und das schon seit Anfang Juli.

Abends reine Onlineprobe mit den Vorspielern und erste vage Rollenverteilung für die neue Inszenierung.



Freitag:

Heute war nochmal so ein richtig theatraler Tag. Tagsüber habe ich mit der Planung einer Workshopeinheit begonnen, denn ich bin nächste Woche Freitag ausnahmsweise mal Gastdozentin bei der "Konkurrenz", der adkb in Berlin.
Nachmittags habe ich einen kleinen Ausflug in den Botanischen Garten gemacht, in dem es gerade so wunderschön herbstlich aussieht. Ich habe sogar einen Grünspecht gesehen, der auf einer Art Baumstumpf am Wasser saß und dann hoch in einen Baum flog.

Abends fand eine längere Extraprobe mit meiner Online-Theatergruppe statt. Vor der Probe kam es in WhatsApp zu Unstimmigkeiten, so dass wir die erste halbe Stunde nutzten, um gemeinsam über das Thema Prioritäten, Gründe für's Fehlen usw. zu sprechen.
Ein Thema, das besonders in Amateurtheatergruppen mit Erwachsenen immer wieder ein Streitpunkt ist, ist das Thema Priorität. Jede*r Teilnehmende hat in der Regel Lust auf das Theaterspiel in der Gruppe, sonst würde die Person sich nicht dafür anmelden und ggf. auch Geld dafür bezahlen. Aber dennoch gibt es sehr unterschiedliche Prioritäten und Erwartungen. Es gibt Teilnehmende, die geben diesem Theaterprojekt eine sehr hohe Priorität und ordnen andere Dinge des Lebens dieser Priorität unter. Andere Teilnehmende geben dem Projekt eine viel niedrigere Priorität, denn es soll neben den anderen hohen Prioritäten ihres Lebens nebenbei mitlaufen. Wieder andere stehen irgendwo dazwischen.
Als Leitung habe ich die Entscheidungsgewalt, vorher festzulegen, welche Teilnehmenden ich dabei haben möchte. Ich kann mich dafür entscheiden, nur Teilnehmende zu haben, für die das Projekt eine sehr hohe Priorität hat. Ich kann mich aber auch dafür entscheiden, auch Teilnehmende zu haben, für die das Projekt eine niedrige oder mittlere Priorität hat. Die nach einer Gruppe suchen, in der keine Sanktionen drohen, wenn sie wegen Arbeit / Kind / Krankheit / Urlaub / psychischem Zustand etc. mal nicht oder später kommen. Ich für mich selbst habe mich für die zweite Variante entschieden, weil sie für mich inklusiver ist und mehr Menschen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen und unterschiedlichem Alltag die Teilnahme ermöglicht. Aber ich kann auch jede Leitung verstehen, die es für sich anders entscheidet, weil sie z.B. sehr intensiv an einem Projekt arbeiten möchte. Auch Gruppenleitungen haben unterschiedliche Prioritäten und Bedürfnisse.
In meinen Gruppen treffen aber durch meine Entscheidung Teilnehmende mit teils sehr unterschiedlicher Prioritätensetzung aufeinander und müssen sich irgendwie miteinander zurechtruckeln, wenn sie weiter mitspielen möchten. Ich kann dann nur moderieren und meine Erfahrungen teilen, aber leider nicht Frustration ausschließen. Die Enttäuschung darüber, dass man selbst einem Projekt eine andere Priorität gibt als die Mitspielenden (egal ob höher oder tiefer), kann sehr groß und schmerzhaft sein. Man empfindet Druck, mehr Zeit freizuschaufeln, oder mehr "locker zu lassen". Und Druck ist immer stressig.
Leider kommen wir um solche Konflikte nicht herum. Manchmal kann man sie lösen, manchmal hilft nur ein Kompromiss, manchmal muss man als Folge eine Entscheidung für sich selbst treffen.
Ich bin dankbar, dass sich alle geöffnet und ihre Gedanken geteilt haben und hoffe, auch in Zukunft dafür Raum geben zu können.

Und jetzt: Wochenende! (mit neuer Wandlampe im Arbeitszimmer!)

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