Freitag, 1. Oktober 2021

Corona-Theatertagebuch – Woche 81



 
Montag: 

Super, bin erkältet.😐  Brauch ich genau jetzt im Endspurt vor dem Umzug. Habe mich schon zweimal selbst getestet. Wohl kein Corona.
Passend dazu meine Periode. Wow. Ganz großes Kino.

Der Tag ist voller ebay-Kleinanzeigen-Abholungen und abends treffe ich mich mit meinem Papa, der mit mir zu irgendeinem Event gehen will, das ich noch nicht wissen darf.


Dienstag:

Gestern Abend war ich erstmalig IM Theater seit Beginn der Corona-Krise. Mein Vater hat mich als nachträgliche Geburtstagsüberraschung zu "Die Dreigroschenoper" ins Berliner Ensemble eingeladen. Es war zunächst mal sehr eng und warm und es bestand Maskenpflicht, die ich mir
sowieso selbst auferlegt hätte bei den Sitzverhältnissen.
Aber die Inszenierung hat Spaß gemacht (auch wenn ich mir irgendwie einen charmanteren Mackie Messer gewünscht hätte) und ich möchte endlich auch mal ein Stück mit Glitzervorhang inszenieren. Muss ich mit den Vorspielern machen!
Und ich hab jetzt eben auch endlich mal die Dreigroschenoper gesehen. Nach 37 Lebenjahren in Berlin.😂

Habe einen interessanten Artikel entdeckt:
https://www.spektrum.de/news/interozeption-signale-aus-dem-koerperinneren/1916227?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Rest des Tages: Homeoffice im Bett und viele Kleinanzeigen-Abholungen. Die Wohnung leert sich stetig.


Mittwoch:

So laaaangsam geht's hier gesundheitlich wieder entspannter zu. Der Tag begann mit einer ebay-Kleinanzeigen-Abholerin, die mir als Dankeschön Donuts mitgebracht hat. Wie geil ist das denn!!! Ich war begeistert.:)

Der rote Küchenschrank, der uns seit unserer ersten gemeinsamen Wohnung begleitet, wurde heute zusammen mit zwei unserer Barcelona-Möbelstücke abgeholt und zu meiner Mutter gebracht. Also irgendwie ein Abschied und ein bißchen traurig, aber es bleibt in der Familie und wird von mir dann ja alle paar Wochen besucht.

Auch heute abend stehen Neuanfang und Abschied nebeneinander. Es findet der Schnuppertermin für meinen neuen Online-Basiskurs statt, und danach verabschiede ich meine Mittwochsgruppe, die letzte Woche ihre Online-Inszenierung aufgeführt hat. Ob und wie sie jetzt ohne mich (oder mit gelegentlicher Unterstützung von mir?) weitermachen, wird heute besprochen.


Donnerstag:

Ach Mensch, schön war's gestern. Ein sehr entspannter, angenehmer Abend. Ich bin noch ein bißchen ... hm ... wehmütig, dass die Mittwochsgruppe jetzt nicht mehr "meine" Gruppe ist. Es war wirklich schön mit ihnen. Aber wer weiß, was sie jetzt gemeinsam auf die Beine stellen. Da wird sich was finden.
Und der neue Kurs war auch sehr lustig. Da hoffe ich, dass genügend Menschen weitermachen wollen. Wobei ich auch gewillt bin, einfach mit einer sehr kleinen Gruppe zu starten.


Freitag:

Mit den Vorspielern war es sehr lustig, wir waren vorher noch zum Abschiedsessen im Restaurant gegenüber vom Probenraum. Wir haben den Großteil der Zeit mit dem Versuch verbracht, irgendeinen Videochat mit einer JBL-Bluetooth-Box zu koppeln. Ging nicht. Why???? Wenn jemand einen Tipp hat, her damit. Wir haben es jedoch nur mit mobilen Endgeräten (Tablet und Handy) probiert. Muss ich mal recherchieren.
Ansonsten fühlen sich die Proben so komplett ungeimpft und ohne Maske wieder ziemlich "normal" an. Was jedoch verschwunden ist: Wir umarmen uns nicht mehr alle zu Begrüßung und Abschied. Aber irgendwann kommt das bestimmt auch wieder.

Fühle mich heute nach dem Aufstehen immer noch ziemlich zerknickt und angekränkelt. Lese zum Einstieg in den Tag diesen interessanten Artikel von einem Legastheniker:

https://www.stern.de/familie/leben/tag-der-legasthenie--erfahrungen-eines-22-jaehrigen-mit-lese-rechtschreib-schwaeche-30728424.html
In dem Abschnitt, in dem er über Sprachunterricht in der Schule schreibt, und wie er gezwungen wurde, Latein statt Französisch zu wählen, dachte ich wieder, dass wir Deutsche Gebärdensprache unbedingt mit in den Schulunterricht aufnehmen sollten. Sie ist so wichtig und praktisch. Einfach eine andere Form auf Deutsch miteinander zu kommunizieren.
Denn damit ist es wie mit dem Rest der Barrierefreiheit: sie nutzt nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern allen. Wie cool ist es, in einer Gesprächsrunde ohne Unterbrechung jemanden still nach einem Stift zu fragen? Oder immer noch Gespräche führen zu können, selbst wenn man so erkältet und heiser ist, dass man nicht mehr Lautsprache sprechen kann. Oder während eines Lockdowns von Fenster zu Fenster zu kommunizieren ohne den Innenhof zuzubrüllen.
Als ich nachmittags mit meiner Mutter telefoniert habe, die als Lehrerin an einer Gesamtschule arbeitet, haben wir genau darüber auch gesprochen. Dass es einfach wichtig ist, allen Lernenden soviel Zeit zu geben wie sie brauchen. Sie ist die einzige Lehrerin an ihrer Schule, die den Schüler*innen einfach länger Zeit gibt, wenn diese sie benötigen. Und die Schüler*innen können im Theaterunterricht z.B. auch gern in ihrer Muttersprache sprechen, was gerade bei Familienszenen zu einem viel authentischeren Spiel führt. Die Schüler*innen sind deshalb immer ganz überrascht, weil sie das bei den anderen Lehrkräften nicht dürfen. Aber das ist doch genau das, was Inklusion bedeutet. Was ist denn los an den Schulen? Leute!

Jetzt geht's ins Wochenende, wobei da nicht gechillt, sondern in der Wohnung nochmal richtig rangeklotzt wird. Endspurt!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen