Freitag, 11. September 2020

Corona-Theatertagebuch – Woche 26




Sonntag:

Zwei Tage LAG liegen hinter mir. Thema Biografisches Theater. Gestern angeleitet von uns Dozentinnen, heute in Form eines Workshops von zwei Teilnehmenden. Biografisches Theater begeistert mich immer wieder, weil man neben sehr berührenden Szenen auch einfach viel übereinander erfährt – ohne in den privaten Raum einzudringen.

Und weil es dieses Wochenende auch Thema war, hier ein Artikel, der erklärt, dass Visiere kein adäquater  Ersatz für Masken sind und eine deutlich geringere Schutzwirkung haben:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-09/atemschutzmasken-gesichtsschild-stoffmasken-ventil-sicherheit-schutz-ansteckung-coronavirus?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Ich habe an diesem Wochenende durch gemeinsame Gespräche mit meiner Kollegin Vera viel über den Umgang mit Krisen und Veränderungen nachgedacht. Wir stecken ja noch immer mitten in Corona drin. Einige Theaterschaffende haben sich wild auf digitale und hybride bzw. auf jeden Fall alternative Arbeitsmöglichkeiten gestürzt, andere haben sich dafür entschieden, bei ihren bisherigen Formaten zu bleiben und zu warten bis diese Arbeitsweise irgendwann wieder möglich ist.
Vielleicht ist der Gedanke totaler Quatsch, aber könnte das auch mit einem Unterschied zwischen Spezialisten und Generalisten zu tun haben? Ich selbst bin Generalist, also habe viele leicht bis mittelgut ausgeprägte Fähigkeiten und Interessen. Spezialisten faszinieren mich mit ihrem tiefen Eintauchen in eine spezielle Materie. Momentan habe ich aber das Gefühl, dass Generalisten im Finden neuer Formate einen Vorteil haben, weil sie eh alles mögliche interessant finden. Für die Spezialisten scheint es mir schwieriger, sich von der Form, dem Thema oder Methode, die sie so gut kennen und beherrschen, zu trennen.
In dem Zuge ist auch für mich als Generalist eine Frage besonders interessant:
Wie sehr vermisse (und brauche) ich eigentlich das Theater, wie ich es vor Corona gemacht und erlebt habe? Momentan ehrlich gesagt kaum. Ich habe große Freude an all den alternativen Möglichkeiten und freue mich, endlich mal neue Dinge ausprobieren zu können.
Wie ist es bei euch anderen Theaterschaffenden? Wie sehr vermisst ihr eure vorherige Arbeit (Nicht das Geld! Das vermiss ich auch! 😀)? Habt ihr Alternativen, die ihr auch oder genauso gern mögt?

 
Montag:

Periodenschmerzen und bedeckter Himmel.
 
Kollegialer Austausch war in kleiner Runde, aber wieder heimelig und thematisch fröhlich und traurig zugleich.
 

Dienstag:

Die Sonne lugt hinter den Wolken hervor. Passendes Wetter für den finalen Test des Audiowalks, den Nick und ich gemacht haben. Einige Passagen muss ich noch ändern und anpassen. Das dauert ein paar Tage, dann geht er online.

Seit heut früh fühle ich mich kränklich. Arbeite jetzt im Bett und hab mir den Film "Kleine Haie" auf Youtube ausgeliehen: https://www.youtube.com/watch?v=YLgixX6DCXU
 
Heute habe ich auch den Schnellzünder-Kurs vorzeitig beendet. Ich kann bis Ende des Jahres nicht in den Probenraum. So macht es ja keinen Sinn. Draußen ist es zu kalt und online ist für die Gruppe nicht so die Lieblingsoption.
 
 
Mittwoch:

Mark Kitzig und ich haben unseren Live-Talk etwas überzogen, aber es gab halt viel zu quatschen. Ihr findet ihn hier: https://www.facebook.com/s.bansemer/videos/10215725615685693

Sehr interessant ist auch dieser Artikel über das Gendern in der Sprache:
https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html?fbclid=IwAR141Cjc90kzGYBPUYbyezIbeXanWXfm04wgD43_yMFju_2RCHYQq0r3GcY
Mir geht es ähnlich wie der Autorin und ich bin ein großer Fan des generischen Maskulinums, weil es sprachlich einfacher und für mich ganz persönlich auch inklusiver (weil allgemeiner) ist. Dass das Gendern dennoch wichtig ist, ist mir sehr bewusst. Ich selbst versuche auch auf eine gendergerechte und inklusive Sprache zu achten, gerade weil es eben die Gleichberechtigung in vollem Umfang noch immer nicht gibt. Und solange es sie noch nicht gibt, brauchen wir auch noch Werkzeuge, um immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Da Sprache immer nach Vereinfachung strebt, kann ich mir vorstellen, dass sich irgendwann wieder einfachere Sprachformen etablieren. Das geht aber nur, wenn die Realität schon entsprechend entwickelt ist.


Donnerstag:

Tolle Momente des Tages:

Der Audiowalk "Blaue Laguna", den ich zusammen mit Nick erarbeitet habe, ist endlich online!!!
Bitte einmal hier entlang:
https://orangeplaty-berlin.blogspot.com/p/blaue-laguna.html

Außerdem erreichte mich heute meine erste Büchergilde-Abobox. Sehr cool! Ich hatte mir das Abo zum Geburtstag gewünscht und werde es jetzt ein Jahr lang genießen können.

Heute gehe ich abends mit zwei Freunden ins Restaurant Anh Ba, das ich sehr liebe. Vermutlich eine der letzten Gelegenheiten in diesem Jahr. Ich sitze nämlich wegen Corona lieber draußen als drinnen.


Doofe Momente des Tages:

Ich musste heute mal wieder an mein Sparkonto ran. Das sind die Momente, wo die Krise weh tut. Denn obwohl ich die letzten zwei Jahre Notfallgeld angespart habe, mag ich es jetzt – im Notfall – trotzdem nur ungern benutzen.
Mit der Abwicklung beider wartender Kurse kommen viele Emotionen zusammen. Ich vermisse gar nicht so sehr die eigentliche Theaterarbeit. Auch wenn ich jedes Projekt und jede Gruppe auf ihre Weise liebe, so ist das Theatermachen an sich ja immer möglich – eben auch im kleinen Rahmen oder allein. Aber die Nachrichten der Kursteilnehmenden berühren mich sehr. Ich bekomme gerade soviel positives Feedback zu meiner Arbeit, das ist wunderschön. Es bestätigt mich in meiner Arbeitsweise und meinen Bemühungen. Hinzu kommt die Abschiedsstimmung, die immer mitschwingt. Die aktuellen Kurse habe ich aus vielen Gründen abgebrochen: Raummangel, Hygienevorschriften, Sorge für meine Teilnehmenden ... und das Wissen, dass ich die Kurse nicht ewig verschieben kann, wenn ich nächstes Jahr aus Berlin wegziehen möchte. Und so mischt sich unter jede Freude über eine positive Rückmeldung zu meiner Arbeit auch immer eine große Portion Abschmiedsschmerz. 

Natürlich gucke ich mir an solchen Tagen besonders emotionale Videos an. Wie dieses Reunion-Video mit Schauspieler*innen von "Deep Space Nine", die am Schluss noch über ihre verstorbenen Kollegen sprechen:
https://www.youtube.com/watch?v=AKJFcJWiQRY
#startrekunitedgives 

Mit der Gesamtweltsituation (Moria ...) fange ich gar nicht erst an.

Freitag:

Bin um 5:50 wachgeworden. Der Wecker war sowieso auf 6 Uhr gestellt, also bin ich aufgestanden.
Heute Zahnarzt.

Dieses Interview finde ich sehr sympathisch: https://homtastics.com/stories/homestories/kleine-wildnis/?fbclid=IwAR1Uu7xkCtzYofivbNhmAL6feT7s0oWWbpAfRXhgeFn92cE53W0ZKC03Wxs

Am Abend noch zwei Online-Workshops zum Thema Gruppendynamik gegeben. Eine interessante Teilnehmenden-Runde mit herausfordernden Themenvorschlägen aus dem Unternehmensbereich. Wir haben viel gelacht und sehr viele Gedanken ausgetauscht.

Nach einem durchgearbeiteten Wochenende und jeden Tag beruflichen Terminen bin ich jetzt aber richtig durch. Endlich ein freies Wochenende!

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