Donnerstag, 27. August 2020

Zirkuspädagogik

Vor Kurzem hat mich eine Nachricht von Mark Kitzig – Zirkus- und Theaterpädagoge – erreicht,der mich fragte, ob ich Lust auf ein Interview für seinen Podcast hatte. Natürlich!
Das Interview geht bald online und hier gibt es für euch einen Gastbeitrag von Mark – über die Zirkuspädagogik. Ein ganz neues Feld, mit dem ich noch gar nicht in Berührung war.


Für alle, die lieber hören statt lesen, gibt es hier die passende Podcastfolge:
https://podcast41f3d7.podigee.io/55-054-die-zirkuspadagogik-und-ihr-konzept

Viel Spaß!
 
Weltkindertag am Deutsch-Französischen-Garten in Saarbrücken mit der Zirkusschule Kokolores

Die Zirkuspädagogik verfolgt das Ziel des Miteinanders. In einer Zirkusgruppe (Ensemble) agieren wir mit mehreren TeilnehmerInnen, die gemeinsam üben. Dabei können die Übungen allein durchgeführt werden, oder auch in Gruppen (zwei, drei, oder mehr Personen üben gemeinsam). Die Atmosphäre des Übungsraums, sowie das Erlernen der Künste an sich, sorgen für einen erlebnisreichen Raum.

Jede Kunst in der Zirkuspädagogik kann eine bestimmte Förderung erzielen. Unterschieden werden kann hier zwischen Akrobatik, Handgeschicklichkeiten (Jonglieren) und Äquilibristik (Balancieren).

 

Akrobatik

In der Akrobatik lernen deine Teilnehmenden die Körperbeherrschung. Das exakte anspannen von gezielten Körperpartien, die bei der Durchführung einer akrobatischen Figur nötig sind, ist die hohe Kunst der Akrobatik.

Körperspannung und das richtige Einschätzen dieser Anspannung einer sind hier essenziell. Ich muss also wissen, wann ich welches Körperteil in welcher Intensität anspanne. Spanne ich eine Körperpartie zu sehr an, verbrauche ich zu viel Energie, spanne ich nicht genug an, hält die Figur nicht.

Neben der eigenen Krafteinschätzung lernen die Teilnehmenden – besonders in der Partnerakrobatik – einen respektvollen Umgang, die richtige Körperhaltung, sowie den Aufbau einer engen und vertrauensvollen Beziehung.

 

Respekt

In der Partnerakrobatik werden Figuren gemeinsam gestaltet. Hierzu steigt die eine Person oft auf die andere. Dabei bedarf es einen respektvollen Umgang miteinander, da der Akrobatik-Partner immer noch als Mensch wahrgenommen werden muss und nicht als „Kletterobjekt“ wahrgenommen werden darf.

 

Körperhaltung

Aufführung von Diversity Gemeindefest der ev.
Kirchengemeinde

Die Akrobaten erleben ihren Körper in unterschiedlichsten Positionen zur Erdanziehung wahr. Dabei lernen sie ihren Körper in diesen unterschiedlichen Positionen zu kontrollieren. Das Erlebnis der oben beschriebenen Körpererfahrung von Körperspannung, -kraft und Zeit in Kombination mit unterschiedlichen Körperlagen stellt den Akrobat immer wieder vor neuen Herausforderungen.

 

Beziehung

Die Beziehung der Akrobaten festigt sich durch das Zusammenspiel. Die Akrobaten müssen ihrem Gegenüber vertrauen, da die andere Person sie entweder hält, oder trägt. Außerdem müssen sich die Akrobaten zeitlich aufeinander abstimmen und ein gemeinsames Gleichgewicht finden. Dies geht nur in einer koordinierten und abgestimmten Teamarbeit.

 

Handgeschicklichkeiten

Zu den Handgeschicklichkeiten gehört das Jonglieren mit Bällen, das Spielen eines Diabolos, das Drehen eines Jungtiertellers u.ä. Also alles was mit den Händen gespielt wird.

Dieser Mann zeigte mir an einem
Workshop voller Stolz, dass er einen
Teller andrehen kann.

Mit den Handgeschicklichkeiten wird das Zusammenspiel zwischen Körper und kleineren Geräten geübt. Die Teilnehmenden erleben ihre Körperkräfte verfremdet, da sie ihre Kraft mit Hilfsmitteln auf ein Objekt ausführen. Zum Beispiel wird ein Teller mithilfe eines Stabes angedreht, während der Stab an sich per Hand angedreht wird. Nur die Jonglage wir direkt ausgeführt.

Mit den Handgeschicklichkeiten förderst du bei deinen Teilnehmenden den Rhythmus, Bewegung und die Konzentration. Die nachfolgenden Beispiele resultieren vor allem aus der Dreiball Jonglage. Die gleiche Förderung ist aber auch mit anderen Künsten, aus der Gruppe der Handgeschicklichkeiten, möglich.

 

Rhytmus

Um eine Dreiballjonglage fließend auszuführen, bedarf es einem Rhythmusgefühl. Denn nur wenn ich es schaffe die Bälle im gleichen Zeitabstand zu werfen, sieht die Bewegung fließend aus.



Bewegung

Mit den Handgeschicklichkeiten fördern wir nicht nur die Bewegung der Hände, sondern auch des ganzen Körpers. Denn ich kann in mehrere Positionen jonglieren. Nicht nur im Stehen, sondern auch im Sitzen, Liegen usw. Es muss auch nicht statisch sein, du kannst auch während der Jonglage tanzen.

 

Konzentration

Mark Kitzig

Das Jonglieren fördert nicht nur die Denkleistung, sondern auch die Konzentration. Der Jongleur konzentriert sich über eine längere Zeit auf das Üben mit drei Bällen. Dies kann solche Ausmaße annehmen, dass du sogar hin und wieder mal zur Pause anregen solltest und deinen Teilnehmenden eine andere Beschäftigung geben solltest.

 

Äquilibristik

Äquilibristik ist die Kunst des Balancierens. Dazu gehören die Künste wie Einradfahren, Kugellaufen, oder das Laufen über ein Balanceseil.

Mit der Äquilibristik fördern wir das Gleichgewicht unserer Teilnehmenden, verbessern ihr Körpergefühl und den Umgang mit Ängsten.

 

Gleichgewicht

Eine Mutter hilft ihrem Kind über dem
Balanceseil am Tag der offenen Tür
der Zirkusschule Kokolores

Mit dem Balancieren findet die Teilnehmerin/der Teilnehmer seine innere Mitte. Wie ein innerer Lot richtet der Teilnehmende seinen Körper senkrecht zum Boden auf. Nur so kann er das Gleichgewicht halten. Ein wichtiger Aspekt, da Körperhaltung im Sinne der Psychomotorik einen Einfluss auf unsere körperliche und seelischen Gesundheit hat. Darüber hinaus wirkt eine gerade Körperhaltung selbstbewusster auf unser Umfeld.

 

Körpergefühl

Durch das Finden der inneren Mitte verbessert sich mein Körpergefühl. Das Gleichgewichtsorgan wird stark gefordert und gefördert, was wiederum den Kontakt zum Boden im Alltag verbessert. Der Mensch erdet sich und verbessert so seinen Kontakt zum Boden.

 

Ängste

Das Laufen über ein Drahtseil oder auf einer Kugel verlangt von den Teilnehmenden besonders viel Mut. Der unsichere Boden und das Verlieren von Halt sind Ursache für diese Angst. Mit einer vertrauensvollen Begleitung und Sicherung gelingt es in der Regel, dass die Teilnehmenden lernen mit dieser Angst umzugehen und so mehr Selbstvertrauen aufbauen.

Ich hoffe, dass ich dir in diesem Beitrag das Konzept der Zirkuspädagogik näher bringen konnte.


 

 

Noch mehr Infos zu Zirkuspädagogik, Theaterpädagogik sowie Mark Kitzig und seinen Podcast gibt es hier:

https://zutp.de/


Fotos: Mark Kitzig

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