Freitag, 14. August 2020

Corona-Theatertagebuch – Woche 22

Montag:

Ich habe gelesen. Und ich lese noch immer. Es musste erst eine Hitzewelle kommen, die mir Arbeiten quasi unmöglich macht. Das einzige, was geht, sind kaltes Wasser, Eis und Bücher ... und abends Serien und Filme auf dem Balkon.
"Inland" von Téa Obreht habe ich endlich fertig. Ich mag es sehr und bin wieder inspiriert für das Mini-Solotheaterstück, das ich vor Corona in der Planung hatte.
Jetzt lese ich "Ernst Barlach in Güstrow", eine Novelle. Novellen sind eigentlich nicht so meine Literaturgattung, aber diese liest sich schnell dahin und hat viele schlaue Sätze wie dieser hier (auch wenn ich überlege, was man statt des Wortes "taub" als Synonym nutzen könnte):

"Was aber sollte man diesem Deutschland in die tauben Ohren schreien, da nicht einmal Kunst es aufrührte, was denn, was?"

Minimalismus interessiert mich sehr. Einige Dinge habe ich in meinem Leben schon "minimalisiert" – z.B. bei Haushalt, Kosmetik, Büchern, Kleidung – aber auch Verhaltensweisen und Kontakte kann man hinterfragen. Regelmäßig gehe ich z.B. meine Facebook-"Freundes"liste durch und schmeiße Leute raus, die ich nicht wirklich kenne, mit denen ich gar nichts (mehr) zu tun habe oder deren Beiträge ich nervig finde. Richtig gute Tipps zu dem Thema gibt es hier:
https://witanddelight.com/2020/08/a-checklist-to-mindful-minimalism-its-more-than-throwing-away-an-old-pair-of-jeans/


Dienstag:

Es bleibt heiß. Im Innenhof weht heute zumindest ein kleines Lüftchen. War vormittags in Tegel bei meinem Privatschüler Nick. Haben gemeinsam das Stück gelesen, dass er mit der Theatergruppe Synchronschief spielen wird. Ansonsten sind die Hauptaufgaben weiterhin Liegen, Atmen, Nicht-Schmelzen und Lesen (momentan Theaterstücke von Max Frisch).


Mittwoch:

Noch immer heiß. Noch immer Lesen. Heute: "Ende gut, alles gut" von William Shakespeare.


Donnerstag:

Noch immer heiß. Nächste Woche werde ich für einen Podcast interviewt – Vorfreude!

Ehrlich gesagt geht es mir auch ein bißchen so wie in diesem Artikel beschrieben:
https://www.thisisjanewayne.com/news/2020/08/13/unbequeme-wahrheiten-vermisst-ihr-auch-die-quarantaene/
Momentan ist wieder so eine unwägbare Zeit ohne richtige Planung. Ich habe keine Ahnung, ob nochmal ein Lockdown kommt. Ich habe keine Ahnung, ob Räume, in die ich gerade nicht, aber vielleicht irgendwann dann doch mal wieder zum Proben reindarf, irgendwann dann wieder schließen. Ich habe keine Ahnung, was nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr ist.
Und gleichzeitig ist da so eine Art unausgesprochener Druck, dass man sich jetzt wieder "normal" zu verhalten habe. Keiner macht diesen Druck aktiv, aber das Umfeld besteht sowohl aus Menschen, die sehr locker mit Corona umgehen, und anderen, die super vorsichtig sind. Ich bin irgendwo dazwischen mit Tendenz zur Vorsicht. Immer wenn ich mich mit eine*r Freund*in treffe, wird erstmal ausgehandelt, wie und wo man sich trifft. Berührt man sich? Will die andere Person mich umarmen zu Begrüßung und Abschied? Will ich das? 
Ich habe für meinen nächsten Kurs eine Entscheidung getroffen: ich mache ihn hauptsächlich online. Es wird keine Inszenierung auf der Bühne geben, sondern ein Magazin. Und obwohl ich diese Idee liebe, hinterfrage ich sie täglich. Weil ich weiß, dass meine Kund*innen lieber bei Präsenzterminen zusammen spielen wollen. Weil sie Theater so machen wollen, wie man es klassischerweise macht. Weil sie enttäuscht sind. Weil sich vielleicht nicht genügend Interessierte anmelden und somit gar kein neuer Kurs startet.  
Dennoch werde ich erstmal bei dieser Entscheidung bleiben, denn ich habe sie sorgfältig überlegt und gewälzt. Ich werde mit den Vorspielern im Herbst wieder in unseren Probenraum gehen – auf Abstand, evt. aufgeteilt auf mehrere Räume, mit viel Lüften. Ich werde in wenigen Wochen auch wieder als Dozentin bei der LAG arbeiten, auch dort sind wir in geschlossenen Räumen, den ganzen Winter über. Also zwei große Gruppen, denen ich oft (teilweise wöchentlich) begegnen werde. Je mehr Gruppen ich treffe, desto größer ist das Risiko für mich, zum Superspreader zu mutieren. Ich möchte meine Kund*innen nicht anstecken. Diese arbeiten alle in unterschiedlichen Bereichen, manche in Büros, manche in Kitas, in Schulen, in Krankenhäusern ... wie fatal wäre da eine Ansteckung geschweige denn allein die Nachverfolgung und die Quarantäne.
Zwei weitere Kurse pausieren gerade, von denen ich noch gar nicht weiß, wie es mit denen weitergehen soll. Den Basiskurs würde ich gern draußen zuende führen, im September. Keine Ahnung, ob das so klappt wie geplant.
Mein Schnellzünder-Kurs steckt eigentlich auch grad mitten in einer Inszenierung. Zehn Termine waren noch offen, dann sollte die Aufführung stattfinden. Was nun? In den Raum können wir gerade nicht rein. Eine andere Form (digital etc.) war erstmal nicht gewünscht. Ich warte ab.


Freitag:

Zwar bedeckt, aber nicht wirklich kühler. Lesestoff heute: "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang Goethe.

Der gestrige Abend mit den Vorspielern war eher ein Biergartentreff statt einer Probe – hehe – aber wir haben einen vorläufigen Favoriten für das geplante Hörspiel gefunden: "Das Gespenst von Canterville" von Oscar Wilde.

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