Montag, 21. Mai 2018

Allein auf der Bühne – Panik pur oder Ego-Boost?









Nach "The Lost Companion" vor einigen Jahren beschloss ich, nie wieder allein auf die Bühne zu gehen. Zu schmerzhaft waren die kleinen Shitstorms, die Kritik, die im Vorfeld auf mich einprasselte.
Zu anstrengend war es, immer wieder Kraft aufzubauen, um trotzdem weiterzumachen.
Zu nervig waren die Proben, in denen ich mich immer wieder beweisen musste.

Ich wollte lieber im Team spielen, gemeinsam, mit Freunden. Mit einer Gruppe, die mich wohlig auffängt, die mir die Hängematte der Sicherheit bietet.

Wenn wir mit anderen gemeinsam die Bühne betreten, dann haben wir eine kleine Gruppe um uns, ein Team. Wir fühlen uns gestärkt, wir haben ja uns. Wir gegen den Rest der Welt.


Aber wenn wir allein sind?


Allein auf der Bühne stehen.
Vor vielen Augen, die einen aus dem Dunkel beobachten.
Angestrahlt von Scheinwerfern.
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Für viele Menschen ist das die absolute Horrorvorstellung. Panik macht sich breit.
Es ist eine Situation, in der man den Blicken aller ausgesetzt ist. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Offen und verletztlich ist man dem Publikum ausgesetzt, das jeden Fehler sehen kann, den man macht.
Es sieht unsere Nervosität, unsere Unsicherheit, unsere Unperfektheit.

Wenn wir allein auf der Bühne stehen, sind wir auf dem Prüfstand. Wir haben uns dort hingestellt und somit schon mal unseren Status erhöht. Sogar im körperlichen Sinne. Wir stehen dort oben und die anderen sitzen dort unten. Wir erheben uns über sie und deshalb wartet das Publikum darauf, dass wir fallen. Diese Augen dort unten sind kritisch und wir müssen nun unseren Status beweisen.
Können wir halten, was wir versprechen? Haben wir uns nicht zuviel "herausgenommen", indem wir uns einfach dort hingestellt haben?

Ja, haben wir.
Und das ist verdammt fantastisch!

Allein auf eine Bühne zu gehen und uns dort zu präsentieren, konfrontiert uns mit unseren Ängsten. Es ist eine Challenge für unser Selbstvertrauen, für unsere Angst vor der Ablehnung.
Das kann für Panik sorgen. Und wenn nicht für Panik, dann immerhin für jede Menge Lampenfieber. Meist mehr Lampenfieber als in Momenten, in denen wir die Bühne mit anderen teilen.

Das klingt alles erst einmal ziemlich abschreckend. Aber allein auf der Bühne zu stehen, ist nicht nur etwas, das Angst macht – es ist auch ein Geschenk!

Allein für alles verantwortlich sein, ist die ultimative Freiheit. Wir allein bestimmen, was auf dieser Bühne passiert. Wir müssen uns an niemanden anpassen, nach niemandem richten. Wir spielen nicht gemeinsam.
Niemand anderes kann Fehler machen, die wir ausbügeln müssen.
Wir müssen niemand anderen emotional unterstützen.
Wir müssen keinen Partner zum Strahlen bringen – nur uns selbst.

Allein auf der Bühne haben wir eine große Macht. Und diese große Macht bringt eine große Verantwortung mit sich.
Diese Verantwortung bereitwillig zu (er)tragen, zeigt uns, zu was wir eigentlich fähig sind.
Und das ist ein absoluter Ego-Boost!

Diese Freiheit verlockte mich dann letztendlich doch, wieder allein auf die Bühne zu gehen. Im Kleinen, nur für eine Viertelstunde. Als softer Wiedereinstieg.
Um diese Freiheit richtig auszukosten, wollte ich absolut niemanden mit an Board haben. Keine Regie, noch nichtmal für eine einzige Probe.
Ich wollte ALLES allein bestimmen – wie ich aussehe, was ich sage, was ich mache.
Mein Blick von außen war meine Laptopkamera, die mich bei den Proben filmte.

Ab und zu erzählte ich meinem Mann ein paar Dinge, er hörte mich Textüben, sah mein Kostüm und hörte die Sounds, die ich zusammenschnitt.
Aber ich allein bestimmte, was mir gefiel.
Es sollte aus einem Guss sein, quasi mein eigenes Gesamtkunstwerk.
Ich habe mit Theatermitteln ein Bild gemalt. Das erste Bild eines Triptychons.
Jetzt male ich am zweiten Bild. Dann am dritten.
Und dann werde ich wieder eine ganze Stunde auf der Bühne stehen.
Allein.
Mit ganz viel Freiheit.

Das wird anstrengend werden. Aber auch einfach gut.



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