Dienstag, 18. Juli 2017

"Ich bin kein Sexist, aber ..."



Das Leben ist schon eins der härtesten. Da kommen wir auf diese Welt, die so viele interessante Dinge für uns bereithält, die wir erfahren, erkunden und ausprobieren können.
Wir wachsen heran und entdecken Vorlieben und Interessen. Wir entwickeln Enthusiasmus und Schaffensdrang. Wir haben Lust, die Welt zu erobern, ob im Kleinen oder im Großen, gemeinsam oder allein.

Alles wäre so angenehm und schön ... wenn da nicht das leidige Thema Geschlecht wäre.

Ob wir mit viel oder wenig Selbstvertrauen durch die Welt gehen, ist zur Hälfte genetisch festgelegt, der Rest entsteht durch Prägung und Erfahrungen.
Spätestens wenn wir erwachsen sind, realisieren wir, dass unser Geschlecht Vorteile und Nachteile mit sich bringt. Dass wir verschieden sind, steht außer Frage. Doch je nachdem, wie wir sozialisiert sind, in welchem Umfeld wir uns bewegen und mit welchen Medien wir uns umgeben, haben wir eine unterschiedliche Einstellung zu den geschlechtlichen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.
Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es zahlreich, aber interessanterweise werden jegliche Hinweise auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern massiv betont, während neutrale Studien seltener publiziert werden. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild, wie dieser interessante Artikel erklärt: Klick!

Der "Gesellschaft" gefällt es natürlich, wenn sich Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen entsprechend der ihnen zugewiesenen Geschlechterrollen verhalten. Das macht es einfacher und überschaubarer. Wir lieben Regeln und die Trennung nach (biologischem) Geschlecht ist so wunderbar simpel. Das kann jeder verstehen und sich auch daran halten.

Aber macht uns diese Trennung glücklich?

Ich habe das Gefühl, je mehr wir die Geschlechter voneinander abgrenzen, desto mehr benachteiligen wir uns gegenseitig. Je mehr wir trennen, desto schwieriger machen wir uns das Leben. Wir beginnen Dinge zu fordern, die uns vielleicht gar nicht liegen. Und die wir gar nicht wollen.
Indem wir den Geschlechtern Attribute zuschreiben, üben wir einen enormen Druck aus. Das klassische Männer- und Frauenbild lässt uns wenig Spielraum.

Wir fordern von Männern, dass sie sich unglaublich beschränken: sie dürfen nicht emotional sein (oder nur manchmal), sie dürfen sich nicht zu auffällig kleiden, sie dürfen sich nicht bewegen wie sie wollen, sie dürfen nicht zu fröhlich sein, sie dürfen nicht zu nett sein, sie dürfen keine Schwäche zeigen.
Zumindest dann nicht, wenn sie dem entsprechen wollen, was allgemein als "männlich" bezeichnet wird. Ein Fehltritt und der Mann kriegt seine Männlichkeit sofort abgesprochen.
Dafür hat er die Freiheit, alles zu erreichen. Sein Möglichkeitsspektrum ist riesengroß. Er kann auf den allerhöchsten Punkt gelangen und ebenso den absoluten Tiefpunkt.

Frauen erlauben wir (fast) alles. Zumindest auf privater Ebene. Klar, sie sollen bitte "fuckable" sein, weil das toller für die Fortpflanzung ist, aber wenn sie sich doch keine Mühe mit dem Aussehen geben, ist es auch nicht so dramatisch. Immerhin haben sie immer den Grundwert einer Frau. Es heißt ja "Kinder und Frauen" zuerst, denn die einen Sorgen für Fortpflanzung, die anderen sind das frische Produkt davon. Man muss sie also beschützen. Im Gegenzug haben sie aber weniger Chancen, etwas zu erreichen. Das Spektrum liegt irgendwo in der Mitte auf dem des Mannes: eine Frau kann nie die Spitze erreichen, aber auch nie ins Bodenlose sinken. Dazu wird sie viel zu wenig ernst genommen. Beide Extreme trauen wir ihr nicht zu.

Zu hart? Das ist leider (noch) die Realität. Doch es ist Zeit, etwas zu ändern. Wir sind unterschiedlich genug von Natur aus, wir müssen es nicht noch unnötig kompliziert machen durch bekloppte Regeln.


Warum fragen wir uns dauernd, was es bedeutet ein Mann oder eine Frau zu sein? 

Warum fragen wir uns nicht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein?



In der britischen Serie "Doctor Who" geht es um genau das: Was bedeutet Menschlichkeit? Was bedeuten Werte? Wie bin ich ein gutes Wesen?
Die Serie steht für Diversität, Akzeptanz, Mut, Gleichberechtigung, Neugierde und Hoffnung. Nie in meinem Leben hat mich eine Fernsehserie so sehr berührt wie es "Doctor Who" regelmäßig schafft. Sie gibt mir Vertrauen in uns – als Lebewesen. Egal welcher Spezies.

Die Serie startete 1963 und erkämpfte sich einen hohen Beliebheitsgrad. Die Geschichte über ein durch Zeit und Raum reisendes Alien, namens "The Doctor" riss die Zuschauer mit. Als der erste Hauptdarsteller in den Ruhestand treten musste, dachte man sich aus, dass die Hauptfigur einfach beim Sterben regenerieren und eine andere Gestalt annehmen könnte. Zack! Das Konzept für eine ewig laufende Serie war geboren und sorgte bei den Zuschauern durch häufigen Abschied und Neubeginn für Trauer und Vorfreude. Ein wunderbarer Zyklus. Über Jahrzehnte hat "Doctor Who" Fans gefunden, die genau diese Offenheit und diese Freude an Neuem und Veränderung lieben.
Würde man zumindest denken ...

Der mittlerweile 12. Doctor hört zum Jahresende auf und es wurde gerade verkündet, wer die Rolle übernehmen wird. Und es ist zum allerersten Mal: eine FRAU!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Die Fans einer Serie, in der es um Veränderung, Empowerment und Gleichberechtigung geht, sind in zwei Lager gespalten. Der Großteil ist begeistert, aber ein anderer Teil wütet mit Schaum vor dem Mund. Hier ein paar Original-Kommentare:

"Eine Frau????????? FURCHTBAR!!!!!!"

" Manche Rollen sollte man so lassen wie sie sind.... Männlicher Mr. Marpel? Weibliche Sherlock Holmes? Weibliche sieben Zwerge?
Irgendwie.... zu erzwungen nur um politisch korrekt zu sein... Naja.... als weiblicher Fan hoffe ich dann mal auf einen guten Companion....."


"So dann bin ich weg...sehr sehr schade"

" ...abwarten und Tee trinken. Mal sehen was das wird. Ich lasse mich überraschen und erwarte nicht viel...." 

"Bitte sag mir, dass das doch ein Scherz ist. Bitte."

"Tja, Schade um eine gute Sendung.."

"Eine Folge bekommt sie eine Chance von mir."

"Wtf eine Frau o.O WAS"

Hier ein paar Schmankerl auf Englisch:





Es gibt sogar schon ein wunderbares Bingo dazu. Und ja, alle Kommentare habe ich so und ähnlich in den Sozialen Medien gelesen:

Quelle: https://pics.me.me


 Ein besonders interessanter Kommentar war für mich dieser hier:

"Tut mir leid aber ich finde das eine schlechte Entscheidung. Der Doktor war eine der wenigen männlichen Indentifikationfiguren für junge Männer oder Burschen die ohne Gewalt und nur durch Intellekt und Mitgefühl Probleme löst. Den Doktor weiblich zu machen wird dies zu nichte machen, sehr kleiner Gewinn (Frauen sind in der Serie auch so schon wirklich nicht schlecht weggekommen, meist besser als die Männer) aber sehr großer Verlust. Meine Meinung, wenn Sie euch nicht gefällt kann ich auch nichts machen." 

Das hat mich irritiert: Warum muss eine Identifikationsfigur das gleiche Geschlecht haben wie ich? Genau damit trennen wir doch wieder zwischen den Geschlechtern!
Ein Mensch kann Vorbild für einen anderen Menschen sein - ganz unabhängig von seinem Geschlecht. Ebenso kann für mich eine Katze, ein Android (I love Data!) oder ein Alien als Inspiration für mein Leben dienen. Und der Doctor - als Alien, für das Geschlechter irrelevant sind - ist eines meiner größten Vorbilder.



Vielleicht beruhigen sich die erhitzten Gemüter irgendwann, denn eine Serienrolle ist immer noch das: eine Rolle. Es ist eine Charakterbeschreibung einer Figur. Eine Sammlung von Eigenschaften und Verhaltensweisen, die in den allermeisten Fällen von beiden Geschlechtern gespielt werden kann. Im Theater mache ich genau das seit Jahren: ich ändere ständig die Geschlechter der Rollen. Eine Frau kann genauso Strenge zeigen wie ein Mann mütterlich sein kann. Es ist alles nur eine Frage der Vorstellungskraft. Und der eigenen Überwindung der Grenzen im Kopf.

Ich weiß, dass das Überleben unserer Art fest einprogrammiert ist. Die aktuelle gesellschaftliche Situation ist zwar schon besser als vor Jahrzehnten, aber noch immer zeitweise deprimierend. Unsere Instinkte sind manchmal übermächtig. Aber es ist erlaubt, auch auf den Kopf zu hören. Wirklich. Auch, wenn das unfassbar klingen mag.

Wir alle sind Opfer des Gender Bias. Ausnahmslos alle! Im Blog Büronymus gibt es einen ganz fantastischen Artikel dazu: Klick!
Aber nur, weil das der Fall ist, heißt es nicht, dass es sich nicht ändern kann. Irgendwann, in tausenden von Jahren. Wenn wir das wollen, müssen wir bei uns anfangen, unsere eigenen Gedanken hinterfragen. Immer und immer und immer wieder. 
Das ist anstrengend, aber es lohnt sich.

Als Inspiration ein wunderbares Video, in dem Dustin Hoffman die Erkenntnis mit uns teilt, dass es so viele interessante Menschen (er bezieht sich in seinem Fall auf Frauen) da draußen gibt, die wir nie kennenlernen, weil sie nicht unseren optischen Vorlieben entsprechen.
Wir müssen nicht jeden auf seine Tauglichkeit als Paarungspartner analysieren. Wir können auch einfach so an der Person interessiert sein: als Mensch. Und es reicht vollkommen, wenn die Person einem sympathisch ist. Sie muss nicht schön sein und sie muss nicht unser bevorzugtes Geschlecht haben.






Lasst uns endlich tun, was wir tun wollen. Unabhängig von unserem Geschlecht. Einfach als Mensch.
Ich fang schon mal an.



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