Mittwoch, 8. Februar 2017

"Die Arbeitswelt ist völlig anders als die Welt da draußen"

Foto: Nils Hasenau, www.nilshasenau.de
Die Kommunikationsberaterin, Verlegerin & Bloggerin Lydia Krüger lernte ich beim Barcamp Arbeiten 4.0 kennen und uns beide verbindet u.a. das Interesse an New Work und dem Wandel, der nach und nach durch die Unternehmen geht.
Es wurde also Zeit für ein Interview! Zuerst veröffentlichte ich es im Spielzeit-Magazin, nun auch hier im Blog.



In deinem Shop Fonski verkaufst du satirische Produkte, die die Arbeitswelt auf´s Korn nehmen. Was sind die Erfahrungen, die dem zu Grunde liegen?


Ich habe schon ganz früh gearbeitet, habe viele Schülerjobs gemacht, ganz unterschiedlich, von Apotheke bis Schlüpfer Verkaufen im Wäschehaus, Backwarenkombinat … Ich habe immer total gern gearbeitet, auch während des Studiums verschiedene Jobs gemacht: im CD-Laden, im Kino, in einer Kneipe. Und dann bin ich irgendwann zum Fernsehen gekommen. Ich war zwischendurch mal angestellt, mal selbständig.
Als ich auf Fernsehen keine Lust mehr hatte, habe ich eine PR-Ausbildung gemacht und in Agenturen gearbeitet. Dann bin ich Pressesprecherin einer Krankenversicherung geworden. Das war super spannend, weil es etwas komplett Neues war und weil ich es faszinierend fand, so ein Unternehmen mal komplett kennenzulernen. Aber ich habe dann gemerkt, wie die Strukturen, die Hierarchien und die Unternehmenskultur mir immer mehr zu schaffen gemacht haben.




Inwiefern?

Ich war ja als Pressesprecherin auch verantwortlich für die interne Kommunikation - sprich Unternehmenskultur. So stand ich immer zwischen allen Stühlen und war die, die auch kritische Fragen gestellt hat, die ja auch von außen an mich herangetragen wurden. Ich bin immer mehr an die Grenzen des Systems gestoßen und habe gemerkt: Nicht ich verändere hier das System, sondern das System verändert mich – und ich gehe da irgendwann bei drauf. Einer der Punkte, die mich am meisten geschockt haben, war die Kommunikation, besonders die zwischenmenschliche. Die Führungskräfte-Meetings waren der Horror. Ich habe erstmal gar nicht verstanden, worum es geht. Ich kam ja aus dem Journalismus, wo man man immer bestrebt ist, klar und deutlich und einfach zu formulieren. Und dann kam ich in eine Welt, wo man bestrebt war, sich möglichst viele Hintertürchen offenzuhalten und sich so schwammig wie möglich auszudrücken. Das war für mich sehr anstrengend. Ich habe immer noch eine Abneigung gegen diese Sprache, diesen Business-Bullshit.
So ist die Idee entstanden, das aufs Korn zu nehmen. Zum einen die Charaktere, die sich in so einem System zwangsläufig herausbilden, die ich im Kollegen-Quartett  „Kampf der Abteilungen“ verewigt hab. Dann die Buzzword-Bingos, in denen es um diese Sprache geht, für verschiedene Bereiche wie HR, Management oder Marketing. Und die Totschlagargumente waren mir einfach ein wichtiges Anliegen, weil ich das vorher gar nicht kannte. Ich war vorher gewohnt, dass ich irgendwo mit einer Idee hingehe und man sich dann damit auseinandersetzt. Auf einmal wurde ich aber jedes Mal abgebügelt und es waren immer dieselben Argumente, wie „Das ist gerade ein ganz schlechter Zeitpunkt.“ oder „Das hatten wir schon mal.“


Gab es Probleme in Unternehmen, die dir immer wieder begegnet sind bei deinen verschiedenen Arbeitplätzen?

Die waren sehr unterschiedlich und so richtig Hierarchie habe ich erst bei der Krankenversicherung kennengelernt. Und diese HORGs, also Hierarchie-Organisationen, sind am problematischsten.
Da gibt es zum einen das fast schon sozialistisch-autoritäre, was besonders bei mir etwas ausgelöst hat, weil ich aus der DDR bin. Es gab Tabus, die man nicht ansprechen durfte, der Oberhäuptling wurde angehimmelt und was mich am meisten gestört hat, war die Unmenschlichkeit in bestimmten Punkten. Mitarbeiter wurden bei wichtigen Entscheidungen übergangen, wie z.B. Standortschließungen. Das waren Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, das fand ich einfach heftig. Wenn man das immer wieder mit Leuten macht, erzieht man sie sich zu leidenschaftslosen Mitarbeitern, die sich für die Firma kein Bein mehr ausreißen.
Mein Job war, den Mitarbeitern Entscheidungen schmackhaft zu machen, die ich selbst nicht vertreten konnte. Das war einfach ein Wertekonflikt für mich, mit dem ich irgendwann nicht mehr klargekommen bin.


Und dann hast du in der Krankenversicherung aufgehört?


Ja, das war ein sehr, sehr langer Prozess der Loslösung.


Das ist ein guter Punkt: Es ist ein langer Prozess. Du hast gesagt, dass diese Strukturen die Mitarbeiter gleichgültig machen. Was sind weitere Auswirkungen?


Es kann sogar dazu führen, dass Leute sabotieren. Es gibt eine wissenschaftliche Theorie dazu, die Ungerechtigkeitstheorie: Wenn Leute sich ungerecht behandelt fühlen, fangen sie an zu kompensieren, indem sie im leichtesten Fall einen Kugelschreiber mit nach Hause nehmen und im schlimmsten Fall ihren Job nicht mehr machen – oder zumindest nur noch das Allernötigste, was sie davor bewahrt, gefeuert zu werden. Solche Kandidaten hatten wir auch in der Firma, bei denen man merkte, dass sie so desillusioniert sind, dass man sie für nichts mehr begeistern kann. Ich kann ihnen das auch nicht vorwerfen, denn es spricht eigentlich für die Leute.
Und was ich sowohl am eigenen Leib erlebt als auch von anderen Leuten gehört habe: Das System macht dein Selbstbewusstsein kaputt, es zerstört deinen inneren Kompass, weil du die ganze Zeit so „gebrainwasht“ wirst mit Sachen, die angeblich normal und richtig sind. Deine eigenen Werte werden übergangen und plattgewalzt, und das schwächt deine Persönlichkeit. Das war das Problem, weshalb ich so lange brauchte, um rauszukommen. Ich hatte kein Selbstbewusstsein mehr, ich wusste nicht, was ich kann und wo ich hin will. Deshalb ist es gefährlich, so lange in so einem Job zu bleiben. Ich schreibe gerade ein Buch darüber, wie ich es trotzdem geschafft habe rauszukommen.


Gibt es Auswege? Momentan ist Arbeit 4.0 ein großes Thema, wie siehst du die Änderungen in Zukunft?


Bei den HORGs bin ich sehr skeptisch, weil ich erlebt habe, wie unglaublich zäh und widerstandsfähig sie gegen Neuerungen sind. Meine Hoffnung ist eher auf der Bewusstseinsebene, also dass das Bewusstsein der Leute ansteigt. Ich glaube, das passiert auch gerade. Das Bewusstsein der Leute steigt und immer mehr sagen: Moment mal, wieso ist die Arbeitswelt so völlig anders als die Welt da draußen?

Da draußen habe ich die völlige Freiheit in dieser Gesellschaft und dann komme ich in so einen Betrieb, in dem ich eine Zeitreise in die 50er Jahre mache und alles ganz anders funktioniert. Auch die Meinungsfreiheit: Wieso habe ich draußen Meinungsfreiheit und sobald ich das Gebäude betrete, darf ich meine Meinung nicht mehr sagen? Ich hoffe und glaube, dass immer mehr Leute das erkennen. Meine Erfahrung ist, dass man das Unternehmen nicht durch Kleinigkeiten ändert, wie einen Tischkicker oder eine Betriebssportgruppe. Damit verändert man nicht die Strukturen. Vieles, was sonst noch an sinnvollen Ideen und Methoden hineingetragen wird, wird vom Immunsystem des Unternehmens abgestoßen oder so verfremdet, dass am Ende etwas dabei herauskommt, was man nicht mehr wiedererkennt. Besonders die kreativen Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, werden das erkennen und das nicht mehr mitmachen.
Zudem denke ich, dass die Selbständigkeit zunimmt. Gerade in kreativen Berufen braucht es nicht viel für die Selbständigkeit, ein Laptop reicht. Viele Unternehmen in Deutschland haben noch gar nicht verstanden, was Digitalisierung eigentlich bedeutet, dass das tiefgreifende Veränderungen mit sich bringt, wie beispielsweise bei der Anwesenheitspflicht. Warum muss ein Programmierer vor Ort im Büro sitzen? Der kann auch von Thailand aus am Strand arbeiten.


Genau diesen Themen widmen wir uns in der Workshopreihe „Überleben im Job“. Wie bist du auf die Idee gekommen, deine Erfahrungen und Ideen mit Improvisationstheater zu kombinieren?


Ich finde es immer spannend, Leute auf einer anderen Ebene anzusprechen als auf der Flipchart-Powerpoint-Ebene, die nur über die Augen und den Kopf geht. In einem Trommel-Workshop habe ich zum Beispiel tolle Erfahrungen gemacht. Das war für mich ein Erweckungserlebnis, weil ich gemerkt habe: Da wird irgendwas anderes angesprochen in den Leuten. Da passiert ganz viel, man weiß nicht, was es ist, wie auch bei Musiktherapie. Du hast ein Erfolgserlebnis, du hast Selbsterkenntnis - wenn du das willst. Du hast auch einfach Spaß durch die spielerische Komponente. Und ich glaube, nach meinen eigenen Erfahrungen mit Impro, dass das auch ein Tool ist, worüber man Leute packen kann. Es ist außerhalb von „Ich stehe vorne und erzähle euch was“. Davon sind die Leute nämlich übersättigt und das Frontale bringt auch oft nicht viel, weil man es schnell wieder vergisst.


Der erste Workshop ist zum Thema „Konfikte“. Warum genau dieses Thema?

Ich glaube, dass Konflikte jeden beschäftigen. Was macht das Arbeiten so stressig? Eben dass wir immer mehr Beziehungsarbeit machen. Weil ja alles, was Routine ist, mittlerweile von Computern übernommen wird. Wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit anderen Menschen, Vorgesetzten, Kunden, Mitarbeitern. Durch diese Auseinandersetzungen haben wir ständig kleinere und größere Konflikte. Die Voraussetzung, um bewusst damit umgehen zu können, ist, diese Konflikte frühzeitig zu erkennen.




In ihrem Blog schreibt Lydia regelmäßig über die Arbeitswelt:
www.bueronymus.wordpress.com
Ihre satirischen Produkte findet ihr in ihrem Onlineshop: www.fonski.de
Und wenn ihr mal eine Texterin braucht: www.kruegertext.de




Im Februar starten Lydia und ich unsere Workshopreihe „Überleben im Job“, die mit den Mitteln des Improvisationstheaters arbeitet. Gleich der erste Workshop ist einem Thema gewidmet, das viele Menschen bewegt: Konflikte.
Durch spielerische Übungen und spontan entstehende Szenen nähern sich die Teilnehmer dem Thema. Sie erarbeiten sich gemeinsam Erkenntnisse zu diesen Fragen:
Was sind Konflikte?
Wie entstehen Konflikte? Was passiert dabei?
Was kann ich tun, um Konflikte zu verhindern, bevor sie entstehen?
Und wie gehe ich am besten mit Konflikten um, wenn sie nun mal da sind?

Termin: Samstag, 25. Februar 2017, 10:00 -14:00 Uhr (4h)
Ort: ANTON & LUISA - Rooms & Creative Space, Wöhlertstraße 20, 10115 Berlin
Preis: 115,94 € (inkl. MwSt.), Ticketlink: http://bit.ly/2ixC7Sr

Alle weiteren Informationen auf www.sarah-bansemer.de

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