Freitag, 30. Dezember 2016

Natürlichkeit - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der fünfunddreißigste Wert ist:


NATÜRLICHKEIT


Wikipedia sagt ... mal wieder nix. Aber das Yoga-Wiki hat eine ganz brauchbare Definition (das Yoga-Wiki und ich werden wohl noch gute Freunde):
Natürlichkeit heißt so zu sein, wie es die Natur ist. Natürlichkeit als Charaktereigenschaft bedeutet Unverbildetheit, Ungezwungenheit. Natürlichkeit ist das Gegenstück zu Höflichkeit, gute Manieren. Natürlichkeit heißt einfach so zu sein, wie man ist.[...] (http://wiki.yoga-vidya.de/Mitgefühl)

Natürlichkeit und ich - da treffen zwei Welten aufeinander!
Aber solche Herausforderungen mag ich. Heute wird also ein bißchen über Natürlichkeit philosophiert.
Interessant finde ich, dass laut der obigen Definition "Natürlichkeit" das Gegenstück zu Höflichkeit ist. Das passt auch zu Filmen, in denen von einer "erfrischenden Natürlichkeit" die Rede ist, wenn eine Figur ungehobelt ihre Meinung sagt, vom Auftreten und Aussehen nicht in den Rahmen passt oder besonders resistent gegenüber Veränderungen ist.

Natürlichkeit ist ein Wert, für den vermutlich so viele Definitionen existieren wie es Menschen gibt. Für jeden ist Natürlichkeit etwas anderes.
Wiktionary nennt es eine

"Eigenschaft, vor allem von Personen, die ein offenes, unverstelltes Verhalten zeigen".

Da drängt sich mir die Frage auf, wie man ein unverstelltes Verhalten definiert. Ist es das sofortige Äußern eines inneren Gefühls oder Bedürfnisses? Oder bedeutet es "nur", dass wir keine "Maske" tragen?
Ich glaube, letzteres ist für viele eine brauchbare Definition, birgt aber die Gefahr, dass Natürlichkeit mit Authentizität verwechselt wird.
Authentisch ist man dann, wenn das Handeln mit der Meinungsäußerung übereinstimmt, wenn Eindruck sowie Ausdruck und Verhalten kongruent bzw. stimmig sind. Authentisch können aber auch "unnatürliche" Wesen sein.
Denn Natürlichkeit bezieht sich noch viel mehr auf ein ursprüngliches, pures, unverändertes Auftreten.

Doch wann ist jemand heute noch natürlich? Wir geben uns doch sehr viel Mühe mit uns, wie arbeiten an unserem Ausdruck, wir überlegen meist, was wir sagen, wir achten auf Umgangsformen und wir verändern unser Äußeres, so dass es uns (und vielleicht auch anderen) gefällt.
Je weniger künstlich diese Veränderung wirkt (!), desto schneller sprechen wir davon, dass jemand natürlich ist. Das kann natürlich ein Trugbild sein. Vielleicht hat die Person sehr viel Arbeit in dieses Erscheinungsbild gesteckt, um so natürlich wie möglich zu wirken. Aber IST sie es dann auch?

In der obigen Definition wird gesagt, dass Natürlichkeit bedeutet "einfach so zu sein, wie man ist.".
Aber wie IST man denn?
Wir sind doch immer so, wie wir entscheiden zu sein. Und wir sind immer so, wie wir in dem Moment zu unserem Umfeld stehen. Wir sind so, wie wir erzogen wurden. Wir sind kaum noch einfach so wie wir sind. Als Baby und Kind IST man einfach. Aber selbst da beginnt schon der Einfluss von außen und innen. Je nach Erziehung trainieren wir uns bestimmte Verhaltensweisen an oder entscheiden, wie wir uns kleiden.

Ich glaube, die wenigsten sind heutzutage "natürlich" im Sinne der Definition. Für mich ist es ein Wert, mit dem ich mich als Person nur selten identifiziere. Ich bin mir meines Auftretens oft bewusst, ich überlege, wie ich auf andere wirken will, ich bin mal flapsig, mal unterhaltsam und mal ganz ruhig. Es sind bewusste Rollen, die ich spiele, die ich mir ausgesucht habe, mit denen ich gewachsen bin.
Meine Nägel sind meist lackiert, ich schminke mich gern (und ich schminke mich auch gern mal gar nicht), ich verändere meine Haarfarbe, ich "verkleide" mich täglich, wenn ich mich anziehe.

Jegliche Form von Kultur verändert uns, jegliches Eintauchen in andere Gesellschaften. Unterschiedliche Rollen, die wir in unterschiedlichen Beziehungen spielen, jede Form der Emotionsunterdrückung oder -vertagung ... all das macht uns quasi unnatürlich und künstlich.
Und das ist absolut normal.

RuPaul sagte so schön:

"We´re born naked, and the rest is drag!"


Pure Natürlichkeit ist also kaum noch möglich. Der Drang, den Lebensstil zu vereinfachen und "natürlicher" und ursprünglicher zu gestalten - der wird immer stärker und ist der einzige Weg, unsere Umwelt zu entlasten.
Aber wir selbst als Mensch kreieren uns täglich neu und zeigen somit Fortschritt, Entwicklung, Veränderung, Intelligenz ... und nicht zuletzt: Kultiviertheit. Und das ist doch auch nicht zu verachten.


Passend dazu gibt es ein humoriges Zitat von Oscar Wilde:

Foto: "Ernst", Theatergruppe Vorspiel: https://www.facebook.com/TheatergruppeVorspiel

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