Freitag, 31. März 2017

Realismus - Blogreihe #wertekatalog

Es ist Value-Friday und es geht weiter mit der Blogreihe #wertekatalog,

Der achtundvierzigste Wert ist:


REALISMUS


Wikipedia sagt ... nicht viel. Beim Googlen habe ich aber folgende Definition gefunden:
- die Haltung, bei der Beurteilung von etwas nur die wirklichen Gegebenheiten als Maßstab zu benutzen.

Realismus ist ähnlich schwer zu leben wie Objektivität. Wir Menschen neigen dazu, Erfahrungen sofort einzufärben und so den Realismus zu verwischen. Wir nehmen unsere Umgebung über unsere Sinne war, sie erzeugt Emotionen. Sachlichkeit, die für Realismus wichtig ist, fällt uns deshalb sehr schwer. Interpretation ist für uns viel natürlicher und passiert automatisch.

Auf der Bühne ist Realismus nur eine von vielen Möglichkeiten, etwas zu erzählen. Aber - und das ist das wirklich spannende und herausfordernde - es ist wichtig, einen Bühnenrealismus zu haben.
Wenn auf der Bühne, oder auch im Film, eine Geschichte erzählt wird, kann diese in dieser oder einer anderen Welt spielen, zur aktuellen Zeit oder in der Vergangenheit oder Zukunft. Es kann eine Märchenwelt sein, Fantasy oder Science Fiction, mit Drachen, mit Außerirdischen, mit Monstern oder lebendigen Spielzeugen.

Aber diese Welt, die für den Zuschauer erschaffen wird, muss in sich selbst realistisch sein. Sie schafft ihre eigenen Maßstäbe, denen sie treu bleiben muss. Sie hat - wie auch unsere reale Welt - Prinzipien und Regeln, denen sie unterliegt. Diese Regeln bilden ein riesiges Netzwerk und beeinflussen sich gegenseitig.

Diesen ureigenen Realismus einer Geschichte aufrechtzuerhalten, ist eine Aufgabe, die den Mitspielern meiner Kurse und auch mir oft gar nicht bewusst ist.
Man kann sie ignorieren - und manchmal machen wir das auch mit Absicht oder weil wir keine Lust oder Zeit haben, darauf zu achten.
Aber eine Geschichte wird umso runder, geschmeidiger und einladender je mehr wir bereit sind, diese Regeln zu beachten und auch selbst zu erschaffen.

Gerade das Improvisationstheater hat damit zu kämpfen, da es oft ohne Bühnenbild gespielt wird. Im realen Leben würde das so aussehen:



Ich erlebe oft, dass meine Mitspieler Angst haben vor fantastischen oder märchenhaften Stoffen. Sie glauben, dass das Publikum sich mit den Charakteren nicht so gut identifizieren kann wie mit denen in einer "realistischen" Geschichte. Eine fantastische Geschichte sei zu absurd, zu weit entfernt vom Publikum.
Dabei lieben wir Menschen fantastische Geschichten. Und die Charaktere sind uns durchaus nah, wir fiebern mit ihnen, wir leiden und freuen uns. Ob in "Herr der Ringe", "Star Wars" oder "Toy Story", die Figuren reißen uns mit. Gerade WEIL sie in einer anderen Realität leben als wir.

Sie zeigen uns eine Welt, die sein könnte, aber nicht ist. Sie sind mit Abenteuern konfrontiert, die wir nicht erleben werden oder können. Aber sie sind unser Avatar, sie zeigen uns, wie man in solch einer Welt lebt, wie diese Gefahren gemeistert werden können. Und somit erweitern sie unsere Erlebniswelt, indem sie stellvertretend für uns als das erleben können, was uns verwehrt bleibt. Dafür lieben wir sie.

Realismus ist nicht das, was uns Menschen anspricht. Es sind Emotionen, die uns mitreißen, Bilder, die uns ansprechen, Worte und Klänge, die uns berühren. Manchmal ist es nur ein Satz, der uns öffnet, der uns staunen, lachen oder weinen lässt. Ob dieser Satz von Queen Elisabeth, G'Kar oder Pippin kommt, ist dabei egal. Unser Empfinden ist gleich.

Realität ist immer das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können und was von unserem Umfeld als Realität bestätigt wird. Die Welt auf der Bühne hat ihre ganz eigene Realität. Je mehr und besser wir das Publikum einladen, in diese Welt einzutauchen, desto realer und beeindruckender wird sie.


Dieses Mal schließe ich mit einem Zitat von Ben Gurion:

Foto: "Gerüchte, Gerüchte", Theatergruppe Spielschauer: https://www.facebook.com/spielschauer

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