Mittwoch, 1. März 2017

"Der Mensch erscheint im Holozän" - Deutsches Theater Berlin



Herr Geiser hat Zeit.

Noch einmal Max Frisch, noch einmal eine Bühnenbild-Inszenierung - wenn nicht sogar eine reine Bühnenbild-Inszenierung.

Der Text über den einsiedlerischen Rentner in den Bergen im Thessin ist poetisch und nimmt sich Zeit. Ausführlich wird die Natur beschrieben, die Gedanken Herrn Geisers, seine Überlegungen und Bemühungen gegen den Zerfall, gegen das Vergessen.

Die Inszenierung ist in erster Linie etwas für die Augen, den Klangteppich bilden Klaviermusik, Gesang und ruhige Stimmen.
Mit einem Pianisten am Klavier beginnt die Inszenierung, er spielt ganz vorn, vor der Bühne. Dann wird er abgelöst von einem anderen Klavierspieler, auf der Bühne. Nun wechseln sich beide ab, sie spielen auf insgesamt neun Klavieren und wandern von Ort zu Ort. Nicht nur musikalisch ist diese Inszenierung ein Genuss, sondern auch optisch. Es wird viel mit Licht gearbeitet, die Bühne ist in kühle Stimmung getaucht. Später bildet eine raffinierte Komposition aus perfekt angeordneten Spiegeln, die auf den Notenablagen der Klaviere positioniert sind, mit einem Scheinwerfer einen zick-zack-förmigen Lichtstrahl quer über die Bühne ... ein Moment wunderbarer Choreografie, der mich gefangen nimmt.

Ohne festen Erzählstrang wird die Geschichte eher fragmentartig und assoziativ dargestellt, wir "erleben" das Leben von Herrn Geiser, spüren Einsamkeit und zunehmenden Gedächntnisverlust, gegen den er versucht anzukämpfen. Gegen Ende schieben sich jedoch immer mehr graue Vorhänge von oben zwischen ihn und seine Tochter ... und somit auch zwischen ihn und uns, das Publikum, schirmen ihn immer mehr ab und der Außenwelt, lassen ihn verschwinden.

Die Inszenierung ist reine Poesie, ruhig und melancholisch.
Einziges, aber für mich leider sehr gewichtiges Manko: das wirklich sehr langsame Erzähltempo, das viel Geduld erfordert.
Tolles Detail: Wie auch in "Biografie: Ein Spiel" wird das Bühnenbildmodell auf der Bühne präsentiert, so dass wir sie einmal im Groß- und einmal im Kleinformat sehen.


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