Montag, 20. Februar 2017

"Wer viel macht, macht auch Fehler"

Foto: Guido Much
Auf dem LifeWorkCamp im November lernte ich Businesscoach Michael Weyl aus Braunschweig kennen. Er nahm an meinen Energizer- & Statussessions teil, ich an seinen tollen QiGong-Sessions. Wir blieben in Kontakt und Michael war bereit, sich für mein Spielzeit-Magazin interviewen zu lassen. Dieses Interview hat aber natürlich auch einen Extraplatz im Blog verdient.


Du bist Businesscoach in Braunschweig. Was genau macht ein Businesscoach und wer sind deine Kunden?
Ich betreibe einen Beruf, der nicht geschützt ist und den es eigentlich nicht gibt. Ich bin Coach, also Trainer. Speziell im Business-Umfeld. Ich kenne mich gut in Business-Dingen aus und war auch lange als Unternehmensberater tätig. Da habe ich bis zum Top-Management hinauf beraten. Ein Unternehmensberater nimmt sich eines Problems an, analysiert es und entwickelt einen einsatzfähigen Lösungsvorschlag. Im Idealfall ist er dann auch noch für die Realisierung zuständig. Der Business Coach macht fast das gleiche, nur liefert er keinen fertigen Lösungsvorschlag, sondern bietet Hilfe zur Selbsthilfe.


Hilfe zur Selbsthilfe klingt so, als würden Ratschläge erteilt, für deren Umsetzung der Coach nicht zuständig ist. Ist das so?

Verkürzt kann man das so sagen. Das trifft aber nicht den Kern der Sache. Ein guter Business Coach analysiert umfänglich die Problemlage und das Umfeld. Dann führt er den Klienten dahin, wo dieser sich mit eigener Kraft eine maßgeschneiderte Problemlösung selbst zusammenbauen kann. Bei diesem Prozess lässt der Coach ihn nicht alleine, sondern bietet Hilfestellungen, Anregungen und zeigt wie diese Lösungen auf Funktionalität getestet werden können.


Zu welchen Problemen berätst du?

An erster Stelle konzentriere ich mich auf Problemlagen aus der Arbeitswelt. Und da dieses Feld unheimlich groß ist, biete ich Leistungen zum Stressmanagement, zur Burnout-Prävention und Aktivierung der Work-Life-Balance an, mit dem Fokus auf Führungskräfte und Selbständige.


Warum gerade diese Zielgruppe?

Da habe ich die meisten Erfahrungen. Ich weiß was Führungskräfte drückt und beschäftigt. Meine erste Stelle als Abteilungsleiter bekam ich 1983. Ich war auch schon Geschäftsführer und Vorstand einer AG. Ich kenne die Spannungsfelder auf fast jeder Stufe der Leitungshierarchie aus eigenem Erleben. Und ich kenne die spezielle Lage der Selbständigen, die zwischen Freiheit, Hingabe zu ihrer Beschäftigung, der Sorge um notwendige Umsätze und familiärem Bezug hin und her gezerrt werden. Ich glaube fest daran, dass ein Coach nicht wie ein Blinder von der Farbe reden soll. Deshalb meine klare Konzentration.  


Du hattest ja schon eine Karriere in klassischen Unternehmen hinter
dir bevor du in die Selbständigkeit gewechselt hast. Welche Erfahrungen hast du in deiner vorherigen beruflichen Laufbahn gemacht und warum bist du dann Coach geworden?

(lacht) Wenn ich jetzt darauf antworte, klingt das, als ob Opa vom Krieg twittert. Meine Selbständigkeit fing Ende der 80er Jahre damit an, dass ich Teilhaber einer Firma wurde. Das ist so etwas wie ein festangestellter Selbständiger. Irgendwann wollte ich dann meine eigene Sache machen und gründete Unternehmen.
Das war Ende der 1990er Jahre und da schwappte der Gründer-Hype hoch. Das war eine schöne, erfolgreiche, aber stressige Zeit.


Daher also Deine Verbindung zum Stress-Thema?

Nicht wirklich! Um ehrlich zu sein, ich habe bezüglich Stress aus dieser Zeit nichts gelernt. Der große Knall kam 2015, als mich ein Schlaganfall von den Füßen holte.


Wie kam es dazu?

Das wussten die Ärzte zunächst auch nicht. Um es schön einfach zu machen, schob man alles den Zigaretten zu und dass ich nicht regelmäßig Sport trieb. Schöne, einfache Welt. Dann braucht man sich nicht mit so schwierigen Themen wie Stressbelastung und Burnout beschäftigen.
Ich war auf drei unterschiedlichen Schienen unternehmerisch tätig. Jede Nacht schlief ich nur 4 Stunden. Keine Zeit. Es sollte nur voran gehen. Und wer viel macht, macht auch Fehler. Die Fehler haben mein Stressniveau weiter in die Höhe getrieben. Dazu Zigaretten und nicht immer ausgewogene Ernährung. Und weil ich in Schwung war, habe ich an vielen Wochenenden Workshops abgehalten. Dann zog mein Körper die Notbremse. Heute wundere ich mich, dass er das rund fünfzehn Jahre mitgemacht hat. Stress ist tückisch. Es geht lange gut, bis der große Knall kommt.


Bist Du so zum Business Coaching gekommen?

Ja. Die Ärzte konnten mir keine Antworten geben, also habe ich selbst gesucht und geforscht. Ich habe über 18 Monate gebraucht, um mich von meinem Knall zu erholen. Genügend Zeit für die Fortbildung, neben dem eisernen Training. Bald wurde die Suche nach den Ursachen zur wichtigsten Beschäftigung. Ich wollte wissen, was mich in die Knie gezwungen hat. Aus der Ursachenforschung wurden Lösungspakete und daraus der Business Coach.
Ich habe am eigenen Leib erfahren, was man vermeiden sollte. Work-Life-Balance ist kein hohles Geschwätz, auch wenn man macht, was man will und liebt.


Du beschäftigst dich viel mit dem Arbeit 4.0 bzw. der Zukunft der Arbeit. Wie funktioniert Arbeit heute in klassischen Unternehmen und was wird sich deiner Meinung nach in den nächsten Jahren verändern?

Die vierte industrielle Welle rollt bereits. Ich finde das äußerst spannend. Arbeitszeiten werden flexibel und man kann den Arbeitsort dort wählen, wo man will. Das klingt zunächst einmal gut. Man denkt, das ist doch nur von der Technik abhängig. So schwierig wird das nicht sein, weil wir heute alle mit PC und Handy umgehen können.
Genau hier liegt der Trugschluss! PC und mobile Telefonie werden Basistechnologien sein. Aber ihre Nutzung wird vielfältiger. Diese Techniken sind heute schon verfügbar. Was fehlt, sind zum Beispiel Nutzungsregeln und Organisationsregeln, Anwendungsstrukturen und Ergebnisstrukturen, Kooperationsmodelle und Kommunikationsmodelle, Verhaltensmuster und Statusmuster.

 

Sarah: Statusmuster? Verhaltensmuster? Das interessiert mich. Status ist doch Verhalten ...
Alles greift ineinander. Das Kommunikationsmodell hängt mit dem Statusmuster zusammen. Wie Kommunikation stattfindet, hängt mit dem Status der Gesprächspartner zusammen und verbindet sich mit dem Verhaltensmuster. All diese Faktoren werden auf unterschiedlichen Ebenen wirksam, verbal, non-verbal, optisch und im Extremfall durch das Klimpern von Euro-Stücken. Arbeit 4.0 wird vieles in den virtuellen Raum ziehen und dort gibt es keine greifbaren Fakten, an denen wir die Echtheit und den Wahrheitsgehalt einer Aussage messen können.
Alles kann, nichts muss. Es wird eine Mischung aus klassischen und digitalen Abläufen geben. Wichtig ist, dass alle Erwerbstätigen begreifen, dass das Modell „Arbeit 4.0“ wie eine zweite Fremdsprache gelernt werden kann. Dies bedeutet, der Erwerbstätige der Zukunft muss „klassisch“ und „4.0“ beherrschen.


Bringt das nicht erhebliche Unsicherheit und Belastungen?

Genau das interessiert mich an der vierten industriellen Welle. Ich betreibe diese Projekte nicht, weil sie so schön modern, bunt und technisch sind. Mein Augenmerk gilt den Belastungsfaktoren der Zukunft. Ständige Erreichbarkeit, Verlust der Ortsfixierung, losgelöstes Zeitmanagement mit nicht beeinflussbarer Terminierung. Diese Dinge nicht zu beherrschen, bedeutet von ihnen belastet zu werden.
Hier beginnt der Zukunftsdruck. Mit Arbeit 4.0 wird von jedem Erwerbstätigen die volle Selbstverantwortung verlangt. Dies bedeutet, dass er sich selbst im von ihm zugelassenen Rahmen einbringt, um eine Tätigkeit zu leisten. Es kommt einzig und alleine auf die Erfüllung der Aufgabe an. Wie, wann und wo spielen keine Rolle. Und ich habe die ganze Zeit von Erwerbstätigen gesprochen und nicht von Mitarbeitern. Arbeit 4.0 ist nicht auf abhängig Beschäftigte angewiesen. Die Aufgabenerfüllung kann jeder erbringen, der die Aufgabe annimmt und in der geforderten Qualität erbringt. Es bildet sich ein Markt von Erwerbsfähigen, die durch Einzelbeauftragung zu Erwerbstätigen werden. Das ist nur eine Facette, die in diesem Szenario vorstellbar ist. So wird zum Beispiel - durch die VR-Technologie getrieben- ein Chirurg, der sich in Botswana aufhält, eine Herzoperation in Berlin durchführen können. Solche Systeme stehen dicht vor der Serienreife. Es verändert sich also fast alles, was wir in unserem heutigen Modell der Arbeitserbringung kennen.


Gibt es dann noch Führungskräfte?

Oh ja, Führungskräfte werden mehr denn je benötigt. Nur deren Führungsinstrumentarium wird um ein Vielfaches größer sein. Sie werden nicht nur Leitungs- und Weisungsbefugnis über abhängig Beschäftigte ausüben, sondern auch Einsatz-, Verhandlungs- und Umgangsgeschick mit fremden Personen mitbringen müssen. Im Extremfall ist der Fallerlediger kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz, deren Einsatz von den technisch initialisierten Weisungen einer ansonsten nicht involvierten Instanz ausgehen.
Es ist nicht die Frage, wann es Realität wird, sondern wie sehr die Übergangsphase die Belastung des Einzelnen in die Höhe treibt. Unseren heutigen Cocktail der Stressoren wird es in Zukunft auch geben, nur wird die Mischung härter. Wer heute lernt damit umzugehen, wird viele dieser Belastungen abbauen können. Wir alle kommen um intensive Lernprozesse nicht herum. Ein wichtiger Bereich ist die Kommunikation und das Wissen um Status und Verhaltensalternativen.

 


Alle Infos und Michaels interessanten Blog findet ihr auf:
www.coach-braunschweig.de





Im März nehmen Businesscoach Michael Weyl und ich auf einem zweitägigen Workshop die Teilnehmer mit auf eine Erfahrungstour in die Arbeitswelt 4.0.
Der Workshop richtet sich an (angehende) Führungskräfte und beschäftigt sich mit dem Thema Status im Business-Kontext.
Mit Hilfe von Methoden aus dem Improvisationstheater, wird Status-Verhalten praktisch ausprobiert, analysiert und verändert. Erleben und Erfahren der Karriere-Kommunikation ist eine Vorbereitung auf veränderte Führungsaufgaben im Zuge von Arbeit 4.0.

Termin: Freitag, 24. (14-21 Uhr) & Samstag, 25. März 2017 (10-17 Uhr)
Ort: Ludwigstraße 5B, 38106 Braunschweig
Preis: 260 € (inkl. MwSt.)
Buchungslink: http://shop.coach-braunschweig.de/produkt/workshop-karriere-kommunikation-maez2017/

Alle weiteren Informationen auf www.sarah-bansemer.de

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