Mittwoch, 7. September 2016

Ein Tag als Gasthörer bei Keith Johnstone

Gestern war es soweit! Ich war für einen Tag Gasthörerin bei der Master Class mit Keith Johnstone in Berlin!
Nach dem Interview letzte Woche war ich schon voller Vorfreude auf den Tag und Keith live zu sehen, hat sich wirklich gelohnt.

Aber beginnen wir von vorn:


Keith Johnstone und das Improvisationstheater
Während meiner Ausbildungszeit kam ich zum ersten Mal intensiver mit Improvisationstheater in Berührung. Ich kannte es natürlich vorher schon, aber habe mich immer ein bißchen gesträubt, wenn ich selbst bei Improvisationsübungen mitmachen sollte. Ich hatte Angst, dass mir nichts einfällt und meine Ideen doof sind. Es brauchte dann meine großartige Dozentin Vera Hüller, um mich zu überzeugen, wie methodisch wertvoll Improvisationstheater ist, die Effekte (mehr Offenheit, Selbstvertrauen und Entspanntheit) an mir selbst zu spüren und besonders für das Status-Training eine Begeisterung zu entwickeln.
Vera hatte damals auch von ihrer Teilnahme an einem Keith Johnstone Seminar geschwärmt und ich wusste: wenn er noch mal nach Berlin kommt, will ich dabei sein!

Aber wer ist Keith Johnstone?
Er arbeitete in den 60er Jahren als Dramaturg und Regisseur am Royal Court Theatre in London und lehrte an der Royal Academy for Dramatic Art. Um die Schauspieler lockerer zu machen und sie realistischer spielen zu lassen, fing er an, mit ihnen ganz neue Übungen zu machen und alte Regeln über Bord zu werfen. Daraus entstanden neue Formen des Improvisationstheaters und der Theatersport. In den 70er Jahren gründete er in Kanada das Loose Moose Theatre und gibt mittlerweile noch ab und zu  Improvisations-Seminare.
Sein Buch "Improvisation und Theater" ist quasi meine Lebens-Bibel, ich liebe es sehr!


Als Gasthörerin beim Seminar

Ja, und nun war es soweit, er war in Berlin. Schon vor einem Jahr sah ich die Werbung online, auf Facebook glaube ich. Die Preise waren recht hoch und ich entschied mich, nur einen Tag als Gasthörerin dabei zu sein. Im Nachhinein stellte es sich auch als genau die passende Wahl heraus. Als aktive Teilnehmerin dabei zu sein, hätte (zumindest für mich) keinen wirklichen Mehrgewinn gebracht.

Um 9:30 Uhr sollten die Teilnehmer im Theaterhaus Mitte vor Ort sein und um 10 Uhr startete der Workshop. Ich war sogar schon um 9:20 Uhr vor Ort (sicher ist sicher), aber außer mir nur Petra aus Freiburg, eine Juristin und Improspielerin, die bei den Freiburger Improleten Mitglied ist. Wir setzten uns raus in den Hof des Theaterhaus Mitte und unterhielten uns über Berlin und die Unterschiede zu Freiburg. Nach einer Weile netten Plausches liefen immer mehr Teilnehmer an uns vorbei und dann ging es auch schon los in der Werkstattbühne im Theaterhaus.
Diese liegt im Keller und ist nicht nur - bühnentypisch - sehr dunkel, sondern leider auch ziemlich kalt. Die alten Sitzreihen mit Klapptischen wie in einem Vorlesungssaal knarrten höllisch laut.
Als Keith das Seminar auf dem Sofa sitzend mit ein paar Gedanken und lockerem Erzählen begann, verstand ich kaum etwas, weil um mich herum alle noch ihre Notizbücher, Wasserflaschen, Stifte etc. aus den Taschen holen mussten. Die Location war also eher ungünstig gewählt, aber Keith machte es wieder wett!

Trotz seiner 83 Jahre ist er witzig und wach, manchmal etwas vergesslich, aber geht auch damit sehr locker um - er kann eben improvisieren.
Die gespielten Improszenen, an denen er seine Ideen erkläret, klappten nicht immer, die Teilnehmer swaren aber größtenteils auch keine (erfahrenen) Improspieler. Dennoch war es interessant zu beobachten, wie in kleinen Schrittchen Verbesserungen entstehen, Geschichten "realer" werden.



Leitsätze für die Bühne und für´s Leben

Es wurde den Tag über gar nicht soviel gespielt, aber es reichte auch vollkommen, Keith zu lauschen und seine Theorien und Gedanken kennenzulernen. Und bei jedem Satz nickte ich und stimmte zu.

Alle klugen Sätze des Tages aufzuschreiben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber zu den grundlegenden Ideen gehörte die Aufforderung, zu handeln statt zu denken, das Offensichtliche zu tun statt des Bemüht-Originellen und das Gegenüber stets zu unterstützen und im besten Licht erstrahlen zu lassen.
Alles Regeln, die nicht nur für die Bühne, sondern für das Leben gelten!

Speziell für die Bühne ist es wichtig, die Handlung voranzutreiben und nicht in Emotionen zu verharren, denn das Publikum möchte sehen, dass etwas passiert, nicht dass jemand "nur" eine Emotion hat. Die Emotionen entstehen sowieso zusammen mit der Handlung. Und diese ist die Basis für das Fortschreiten einer Geschichte.
"Weniger ist mehr" gilt ebenfalls für die Bühne. Eine Szene wird umso interessanter, wenn ich das absolut Notwendige tue, nicht mehr.
Wir Spieler wollen immer möglichst originelle Ideen zeigen, aber je offensichtlicher wir arbeiten, desto besser und glaubwürdiger ist es für´s Publikum.

Je wohler sich die Spieler miteinander fühlen, desto einfacher fällt es ihnen, Fehler zu machen und keine Scham dabei zu empfinden. Nur so können großartige Dinge entstehen!

In diesem Satz ist es wunderbar zusammengefasst:









Der Tag hat sich sehr gelohnt. Keith Johnstone live zu erleben, ihn einmal im Leben bei der Arbeit zu sehen - das kann mir keiner mehr nehmen und wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Und dazu noch fünf Seiten Mitschrift voller kluger Sätze als Inspiration.

Neben Keith war Petra mein Highlight des Tages. Ich habe sie gleich ins Herz geschlossen und hoffe, in nicht allzu ferner Zukunft mal in Freiburg zu sein - für eine Fortführung des Gesprächs und ein Besuch bei den Improleten.



Foto: "Weiße Katze": https://www.facebook.com/weissekatzetheater



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